Nubia muss nach Hause, nein sie ist kein Folkeboot!

Der Törn geht von der Schlei, unserem Lieblingsrevier, nach Harburg.

 

Nubia ist unsere schwimmende Wohnung, unser „klassisch am wind floating office “ und unser Folkeboot-Ersatzteillager. 9 Meter Stahl dümpeln als letztes Segelschiff im Hafen der Modersitzkiwerft.

Nubia und Folke Admiral Jacob
Nubia in Maasholm, längsseits unser Folkeboot „Admiral Jacob“

Wir haben es verpennt, naja genau genommen ich, wir haben den 24.11. eigentlich schon viel zu spät im Jahr.

Eigentlich sollte sie im Oktober nach der Chartersaison schon nach Harburg. Aber nach der Saison haben wir uns erst einmal ein paar Tage Urlaub gegönnt, dann war das Wetter schlecht, dann stimmte die Tide auf der Elbe nicht und dann, naja auf ne Woche kommt‘s nicht an,…. usw, usw…..

Nun stimmte die Tide, wir hatten eine winterliche Hochdrucklage – was normalerweise wenig Wind, strahlend blauer Himmel, aber eben auch Kälte und Nebel bedeutete.

Am 24.11.setzte ich mich nachts um 23:00 Uhr zu Hause ins, für 5 Tage Überführungstörn, vollgepackte Auto.

Der Plan war: 1.Tag Kiel, 2.Tag NOK bis zur Gieselau Schleuse, 3.Tag Elbe bis Rüschkanal und Tag 5 dann Harburger Binnenhafen.

In dieser Nacht hatten wir an der Schlei -4°C!

Nachts um 2:00 Uhr stieg ich aus dem kuschelig warmen Auto in Maasholm aus. Was mich empfing, war eine feindliche, klirrend kalte, nicht an Segeln erinnernde Welt.

Es war dunkel, stockdunkel, die gewohnte Stegbeleuchtung tot. Mit Kopflampe ausgerüstet tastete ich mich mit kleinen Schritten über den weiß gefrorenen Holzsteg. Am ersten Abzweig konnte man im Schein der Kopflampe schemenhaft das kleine Fischerboot, welches über Winter im Wasser bleibt, erahnen.

Aber wo ist unsere Nubia? Da taucht sie im Nebel kurz vor mir auf.

Sie liegt totenstill als letzter Segler im Hafen. Ich stehe auf dem vereisten Steg, meine Stirnlampe illuminiert die unwirkliche Szenerie.

Hey mein Schiff ist viel zu weit vom Steg entfernt, als dass man sie, wie gewohnt, mit einem beherzten Schritt entern könnte. Zudem wird sie von einer dünnen Eisschicht bedeckt.

Hat schon mal jemand versucht ein Schiff, welches an tiefgefrorenen Festmachern hängt, dichter an den Steg zu ziehen? Solche Festmacher sind vielleicht als Bootshaken geeignet aber nicht für die ihnen zugedachte Aufgabe. Brechen die eigentlich, wenn jetzt Wind aufkommt?

Ich setze mich auf den Steg, stütze mich an den mächtigen Holzklampen ab und zerre die knapp 6 Tonnen Stahl auf mich zu. Der gefrorene Festmacher gibt beim Belegen splitternde Geräusche von sich.

Ich lasse meine Tasche am Steg zurück, um beide Hände beim Besteigen meines Schiffes zur Verfügung zu haben. Mitten in der Nacht eine Runde schwimmend durch das eiskalte Hafenwasser zu drehen, das ist wahrhaftig das Letzte wonach mir der Sinn gerade steht.

Ich balanciere über das glitschige Schiff und wähne mich, im Cockpit angekommen, endlich wieder in Sicherheit. Der Kahn ist eiskalt, innen und außen. Ich stehe unter Deck und ärgere mich über mein „Zeitmissmanagement“.

Es gibt keinen Strom mehr, das Heizöfchen bleibt kalt. Ich unternehme einen letzten kläglichen Versuch mit mehreren Gaskochern ein wenig wohlige Wärme ins Schiff zu bringen. Aber wer das schon einmal versucht hat wird sich daran erinnern, dass nach einem anfänglichen Aufbäumen der Flamme, der Kocher nur gerade noch in der Lage ist, sich selbst am Leben zu erhalten. Der Heizwert gleicht dann allerdings dem eines Teelichts. Merke: „Bei Minustemperaturen kocht oder heizt es sich mit Strom, Petroleum oder Spiritus einfach besser.“

Nachdem ich noch kurz gecheckt habe, ob denn wenigstens der Motor seinen angestammten Dienst verrichtet, – tat er -, lag ich gegen 3 Uhr unter drei Bettdecken. Meine Anwesenheit war nur an der aufsteigen Säule kondensierenden Atems durch eine klitzekleine Öffnung zwischen Kopfkissen und Bettdecken zu erahnen.

Obwohl kurz vor dem Einschlafen noch dieses „Tauch-Damoklesschwert“ über mir schwebte, habe ich, ob der unwirtlichen Bedingungen, erstaunlich gut geschlafen.

Tauch-Damoklesschwert?

Nubia hat hier den Sommer über eher gelegen, als dass sie viel gesegelt oder motort ist. Klar wir waren einmal auf Lyo und auch in Sonderborg haben wir vorbei gesehen, aber war das genug, um den Seepocken vorzugaukeln, dass unser Propeller ein ungeeigneter Lebensraum ist? Ich fürchte nein! Hatte ich schon erwähnt, dass unser Schiff wirklich sehr empfindlich auf einen bewachsenen Propeller reagiert? Dazu kommt, dass sie mit knapp 6 Tonnen und 14 PS nicht gerade übermotorisiert ist.

Am Freitagmorgen hab ich mich nicht weiter mit einem gemütlichen Frühstück aufgehalten, sondern bin beherzt an die Arbeit gegangen.

Als erstes wollte ich das Schiff aus der Box an einen Steg außerhalb des Hafens längsseits legen, um dort besser aus- und einladen zu können.

Gesagt getan, Motor warmlaufen lassen, Festmacher abtüddeln und raus aus der Box, – fühlt sich schon komisch an -, dann Vorwärtsgang rein, Aufstoppen bevor man gegen die Heckpfähle der gegenüber liegenden Boxen rammelt. Aber es stoppte nix auf, rein gar nix. Wenig Drehzahl, viel Drehzahl, kein nennenswerter Unterschied. ‘Fühlte sich eher so an, wie damals in den schwedischen Schären, wo wir den Vorgänger dieser Schiffsschraube verloren und in einem Grab aus Schlick und Modder zurück lassen mussten.

Mit viel Hand und Leinenarbeit habe ich das Schiff zu besagtem Steg bugsiert.

Nächster Schritt: Bootshaken mit Gopro ausrüsten und den Propeller inspizieren, ohne selbst nass zu werden, einer meiner genialen Schachzüge!

Nicht so genial war, damit bis Dezember zu warten, denn das Ding war zu bewachsen um auch nur an eine Fahrt unter Motor zu denken.

„Scheiiiiiiiiiiiiiiiiße, ich muss da jetzt rein, waruuuuuuum, was hab ich den so Schlimmes verbrochen?“

Nun hatte ich ja zumindest damit gerechnet, dass dieses Szenario nicht kategorisch auszuschließen ist. Insofern lag mein Sommersurfneo nebst Füßlingen, Handschuhen und Taucherbrille bereit. Nur leider hatte ich keine dieser kleidsamen Kopfhauben. Irgendwer hat mir mal erzählt, dass das Gehirn nur Temperaturschwankungen von einem Grad toleriert bevor man stirbt, oder war es nur, bevor man ohnmächtig wird? Und trägt man im Winter nicht deshalb Mützen, weil man durch den Kopf einen sehr hohen Prozentsatz an Körperwärme verliert?

Anyway, jetzt nicht lange nachdenken und rein ins erfrischende Nass, aber Obacht und nicht auf dem gefrorenen Deck ausrutschen!!

Gut, dass mich keiner gesehen hat. Das Wasser mag wohl so um die 5 Grad gehabt haben und es war in Kombination mit meiner Aufregung erstaunlich gut zu ertragen so lange der Kopf über Wasser war. Allerdings hatte ich den Eindruck, dass sich mein Gehirn unmittelbar nach dem Abtauchen auf Walnussgröße zusammenzog, gepaart mit einem stechenden Schmerz in der Stirngegend. Alles in allem Prädikat: Nicht empfehlenswert! Etwa 5-6 min bin ich ausgerüstet mit einem Spachtel den Pocken zu Leibe gerückt, – Mistbiester.

Was der heimkommende Fischer, dem ich ein freundliches Moin zurief, von mir dachte, will ich gar nicht wissen.

Jedenfalls war ich froh, als ich splitterfasernackt im winterlichen Cockpit meines Schiffes stand und dieser unangenehme Teil meiner Adventstour nach Hamburg überstanden war.

Bis 12 Uhr habe ich dann noch geräumt, auf Schiff, ins Auto und umgekehrt, um dann der Modersitzkiwerft mein Heck zu zeigen und in die Menschen und Schiffsleere Schlei hinauszugeleiten.

Selbst nach Passieren des Leuchtturms war ich der Einzige weit und breit. Stahlblauer Himmel und um mich herum Ententeich. An Segeln nicht zu denken!

Meine Ankunftszeit in Holtenau sollte definitiv im Dunkeln liegen, ich bin viel zu spät losgekommen. Die Tage sind fast die Kürzesten des ganzen Jahres. Was soll‘s!

Wenn es keinen Nebel gibt, dürfte es kein Problem sein.

Ich fahre zwischen Sperrgebiet und Ufer Richtung Damp. Wind setzt ein und sofort stoppe ich den Diesel. Herrlich, ist das der Lohn für all die Mühen der letzten 48 Stunden?

Noch bevor ich Damp querab habe verschwindet die Sonne, nein nicht hinterm Horizont, sondern im Nebel. Mist, aber ich hatte schon befürchtet, dass das passieren könnte.

Die Sicht pendelt zwischen 20m und 200m, Kartenplotter, Ais-Empfänger und Radar laufen. Ich beruhige mich damit, dass bis hierher auch kein anderer unterwegs war. Aber in der Kieler Förde wird sich das definitiv ändern.

Auf dem Weg in die Förde kann ich die Höhe nicht mehr laufen. Dunkelheit, Nebel und dichter Verkehr laden nicht zum Kreuzen ein. Ich berge das Tuch und taste mich langsam außerhalb des Fahrwassers von befeuerter Tonne zu befeuerter Tonne. Um mich herum Nebelhörner und Schraubengeräuche. Querab von Holtenau 90 ° nach steuerbord und ich laufe in Schrittgeschwindigkeit an die von den Straßenlaternen schwach beleuchtete Steganlage.

Ein kühles Bier im Nebel und ich verschwinde im Bett.

Die traumlose Nacht ist wärmer als die letzte. Um 5 Uhr singt mich mein Wecker mit meinem Lieblingslied wach. Ich gönne mir einen Kaffee, schmiere Brote für den Kanal und checke Öl, Kühlwasser und Stopfbuchse. Um 6 rufe ich dann den zuständigen Menschen vom Kielkanal über Funk und informiere ihn über mein Vorhaben möglichst bald in den Kanal zu schleusen.

„Geht nicht, zu hohes Verkehrsaufkommen“, ist sein kurzes Statement, sie rufen mich, wenn ich dran bin und sie mich irgendwo gefahrlos mit reinquetschen können.

Aber……. sie rufen nicht, keiner ruft mich. Bis zur Gieselau Schleuse brauche ich aber round about 9 Stunden. Ich rechne mir ziemlich schnell aus, dass das nix mehr wird. Alternativplan ist Rendsburg, Schreiber Marina unmittelbar hinter der Rader Hochbrücke. Für diesen neuen Plan ist 12 Uhr die deadline. Es folgen Stunden des Wartens, ich darf nicht rein! Erst um halb zwölf, als sich offensichtlich eine Lücke in der Schleuse auftut und der mittlerweile wieder aufgezogene Nebel sich zu lichten beginnt, lässt man mich rein.

Mit der belanglosen Fahrt bis zur Schreiber Marina will ich „Unser Hafen ist bis zum 21. März 2017 geschlossen“, etwa bei Einbruch der Dunkelheit festgemacht

Nachts um 2:00 Uhr ist mein Kumpel Claus, dem ein oder anderen sicherlich als Sailing Bassman bekannt, zu mir gestoßen und bis nach Harburg an Bord geblieben.

Wie er den Rest unserer kleinen Reise erlebt hat, schreibt er im folgenden Teil:

 

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Adventstörn mit kalten Füßen

 

Mann, was habe ich kalte Füße! Und das seit mittlerweile 48 Stunden. Das letzte Mal, als ich mit meinen Turnschuhen gesegelt bin, hatte ich noch das Gefühl sie wären warm genug. Aber nun sind wir seit zwei Tagen mit Minustemperaturen unterwegs und da scheint wohl die Grenze ihres Komforts erreicht zu sein. Na gut, eigentlich hatte ich in der ersten Nacht unter der kurzen Decke schon kalte Füße, und die tauen dann einfach nicht mehr auf. Ich bin an Bord der Segelyacht NUBIA meines Freundes Mike und vorgestern Nacht, nach einem Auftritt in St. Peter Ording, zugestiegen. Mike war schon vor zwei Tagen von der Schlei aus aufgebrochen, um das Boot für den Winter nach Hamburg-Harburg zu überführen. Auf dem Abschnitt durch  Nord-Ostsee-Kanal und Elbe wollte ich ihn begleiten. Der Zeitpunkt Ende November, zusammen mit den sternenklaren Nächten, versprach allerdings eisige Nächte.

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Und so liessen mich die kalten Füße in der ersten Nacht auch zunächst nicht einschlafen. Dann drückten sie auf die Blase, was wiederum nach langem Zögern dazu führte, doch noch einmal nach draußen zu gehen. Bis ich danach endlich eingeschlafen war,  verging wieder eine ganze Zeit. Dann klingelte um 0600h auch schon der Wecker. Mehr als 2 Stunden Schlaf habe ich also nicht abbekommen und fühlte mich auch so. Eigentlich wollten wir uns ja an dere Giselauschleuse treffen, aber wegen Nebels kam Mike erst sehr spät in Holtenau in den Kanal. Und so brachen wir nun, nach einem kargen Frühstück im Dunklen, von der Schreiber Marina bei Rendsburg auf. Wenigstens der Kaffee wärmte uns etwas auf. So spät im Jahr ist die Fahrzeit auf dem Kanal begrenzt und wir wollten nun die verlorenen Zeit aufholen. Um kurz vor sieben zogen wir daher mit dem ersten Licht auch schon unser schnurgerades Kielwasser in den Kanal. Die Sonne ließ sich noch gut zwei Stunden länger Zeit, bis sie sich endlich über den Bäumen blicken ließ. Die Fahrt durch den Nord-Ostsee Kanal wurde zäh wie immer, und Stunde um Stunde zog das herbstkarge Ufer an uns vorbei. Es gab wenig, woran sich das Auge festhalten konnte um von der Kälte abzulenken, die nun immer mehr in den Körper kroch. Weniger durch Jacke und Hose, doch umso mehr in die Hände und Füße.

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Der Autopilot summte sein monotones Lied, und selbst der kartuschenbefeuerte Gaskocher wollte nicht so recht bei dieser Kälte. So hielten wir bei Wasser und Brot durch, bis wir kurz vor Sonnenuntergang die Schleusen in Brunsbüttel erreichten. Der Sportboothafen ist im November gesperrt und wir legten uns daher mühsam an zwei, aus vier Stämmen roh gezimmerten, sehr dicke Dalben. Angeblich der Ausweichliegeplatz für Sportboote im Winter, aber kein schöner Fleck. Der Blick in den Gezeitenkalender informierte uns darüber das ab 1915h die Flut einsetzen wird, und so beschlossen wir hier nur zu warten, um dann im Dunkeln noch nach Glückstadt zu segeln. Unser Traum von einem warmen Restaurant hatte sichaber  nach zwei Telefonaten zerschlagen. Samstag ab 2100h wäre in Glückstadt angeblich alles dicht, na toll…

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Im kalten Cockpit belebten wir die Kocher und Mike zauberte ein Essen, das uns etwas wiederbelebte. Danach stellten wie den Wecker und hauten uns noch eine Stunde hin. Müde wie ich war, schlief ich sofort ein. Nur war mir nach dem Erwachen leider noch kälter als vorher. Und es lagen ja noch einige Stunden vor uns. Es ging sehr zügig durch die Schleuse auf die Elbe. Voher hatten wir überlegt ob der Flutstrom wohl direkt mit der Flut einsetzt, oder zunächst noch durch den Eigenstrom der Elbe überlagert wird. Ich war für Variante eins, aber Mike sollte recht behalten. Noch über eine Stunde nach Kippen der Tide tuckerten wir mit 2,5kn mühsam gegen den Strom. Das sollte im Törnführer Nordsee mal ergänzt werden! Und auch der erhoffte und angekündigte Wind blieb aus. Dazu kam eine sehr belebte Elbe. Schiffe auf beiden Seiten, aber auch neben dem  Fahrwasser. Diese irritierten uns doch sehr, denn sie hatten Positionslichter gesetzt und galten ja  somit als in Fahrt. In der Dunkelheit war aber weder erkennbar, wie schnell und in welche Richtung. Und so wichen wir immer wieder aus, wenn wir rot und grün gleichzeitig sahen. Aber oft drehten die Schiffe dann mit. Erst später war dann zu erkennen, das die Pötte wartend quasi auf dem Fleck standen und vor sich hin schwojten. Und kamen wir dann neben eines der Dickschiffe, nahmen sie Fahrt auf,  und wir konnten unseren Kurs wieder korrigieren. Dazu kamen große Containerschiffe von achtern und die Festtagsbeleuchtung am Ufer von Häfen und Gebäuden. Wir mussten wirklich sehr aufpassen und wurden dann auch von einem spärlich beleuchteten Binnenschiff, von dem ich nur das vordere Topplicht geshen hatte, überrascht. Wenn in der Dunkelheit plötzlich ein riesiger, schwarzer Schatten an einem vorbeihuscht, den man vorher nicht wahrgenommen hatte, steigt der Adrenalinpegel. Und so rissen wir uns die letzten zwei Stunden bis Glückstadt zusammen und starrten gemeinsam in die Dunkelheit der Elbe. Und ab und zu in den gigantisch anmutenden Sternenhimmel. Den hatte ich lange nicht mehr so deutlich gesehen. Es musste wohl an der Kälte liegen, die sich nun wirklich überall durchbiss. Ich träumte schon von einem heißen Tee im warmen Salon des Bootes. Gut, es gab keine Heizung an Bord, aber Petroleumlampe und Gaskocher würden schon etwas Wärme hergeben.

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Doch Glückstadt machte es uns nicht leicht. Unbefeuerte Bojen und eine etwas undurchsichtige Hafeneinfahrt waren erst der Vorgeschmack. Im Hafen dann waren sämtlich Stege abgebaut und lediglich deren Verankerungspfähle standen wie unbelaubte, tote Bäume kreuz und quer im Wasser. Wir schlängelten uns durch diesen Wald auf einen allerletzten Steg im hintersten Winkel zu, nur um gerade noch rechtzeitig zu erkennen, das von diesem kreuz und quer Metallwinkel abstanden, die wir nicht an der Bordwand haben wollten. Was nun? Bei der Einfahrt hatten wir einen Steg gesehen, der mit Halten- und Betreten-Verboten Schildern gespickt war. „Nur für Behördenfahrzeuge“. Egal, wir legten uns an dessen äußersten Rand, und waren nach 16 Stunden Fahrt endlich fest. Meine Träume von der Wärme im Salon kamen immer näher. Doch dann machte Mike den Vorschlag doch im Cockpit noch ein paar Bier zu trinken. WAS? DRAUSSEN? Ich gab mich geschlagen. Hatte ich mich bisher doch eigentlich immer für einen Naturburschen gehalten, musste ich jetzt kapitulieren. Ich rief meine Frau an und klagte ihr mein Leid. Direkt von Mann zu Mann jammern geht ja nun auch wieder nicht… Doch Mike verstand den Wink mit dem Telefon und dann, ENDLICH, saßen wir im halbwegs Warmen und ließen den Abend ausklingen. Ich gab mir viel Mühe mit den Decken und Schlafsäcken und hatte es endlich warm. Eine ganze lange Nacht lang, denn wir konnten ja erst um 0900h weiter.  Einfach paradiesisch.

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Morgens erwarteten uns dann steif gefrorene Tampen und ein vereistes Deck. Jedenfalls waren nach dem Loswerfen der Leinen die kalten Füße und Hände sofort wieder da. Eher noch unangenehmer als am Vortag, denn es hatte noch einmal ordentlich abgekühlt. Der Weg von Glückstadt nach Harburg ist zwar überschaubar, aber 9-10 Stunden hieß es nun doch in der Kälte auszuharren. Trotz schlagender Fallen in der Nacht, war der Wind vollständig eingeschlafen und wir dieselten hinaus auf die Elbe, die bei diesem Wetter, mit Sonne und blauem Himmel, traumhaft anzusehen war. Unsere mit jedem Windhauch einsetztenden Segelversuche blieben jedoch erfolglos und irgendwann bargen wir die Tücher und gaben uns geschlagen.  Und so sitze ich hier nun mit meinen eiskalten Füssen in den nutzlosen Turnschuhen. Ich Memme. Ich denke an das sehr empfehlenswerte Buch „Berserk“, das ich vor einiger Zeit einmal gelesen hatte. Dessen Inhaltsangabe liest sich wie folgt:

 

„Mit der Berserk in die Antarktis? Genauso gut kannst du den Mount Everest in Ballettschuhen besteigen!“
Der Hafenmeister von Ushuaia zu David Mercy kurz vor dessen Abreise in die Antarktis.
Die Berserk, ein gerade mal neun Meter langes Segelboot aus Fiberglas, liegt im Hafen von Ushuaia. Ihr Zustand ist erbarmungswürdig: In der winzigen Kajüte herrscht Chaos, es gibt kein Radio, kein Rettungsfloß, der Motor stottert. Die Mannschaft besteht aus drei Männern: Der erste ist der blutjunge Skipper Jarle aus Norwegen, in der Stadt nur „der wahnsinnige Wikinger“ genannt. Der zweite im Bunde ist Manuel, ein Argentinier, der sich auf See das Rauchen abgewöhnen will. Der dritte schließlich ist der Autor selbst.
Jarle ist schon seit zwei Jahren mit der Berserk unterwegs; David und Manuel dagegen haben vom Segeln keinen blassen Schimmer. Doch die drei haben ein gemeinsames Ziel: die kälteste, unwirtlichste und entlegenste Region der Erde – sie wollen in die Antarktis.
Obwohl es sogar an Wollpullovern mangelt, machen Jarle, David und Manuel unverdrossen die Leinen los. Zum Abschied ruft man ihnen nach: „Das überlebt ihr nicht!“ Dann läuft die Berserk aus – mit Kurs auf die turmhohen Wellen der Drake Passage und das Eis der Antarktis.
Die Stimmung an Bord könnte besser nicht sein. David Mercy liefert einen Reisebericht, der vor Spannung knistert und mit einer gehörigen Portion Selbstironie Eiseskälte und Strapazen nicht nur erträglich, sondern sogar höchst vergnüglich macht.

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Ich möchte noch hinzufügen, das sich Skipper Jarle an Bord nur barfuß und mit behorntem Wikingerhelm bewegt. Alles klar? Ich Memme. Als wir schließlich im Hafen von Harburg festliegen, freue ich mich sogar auf die lange beheizte Bahn- und Busfahrt nach Hause. Auf warmes Essen, Dusche und Bett. Ich träume sogar noch davon, das ich friere. Und obwohl ich völlig verschwitzt in Joggingklamotten und dicke Decken gehüllt aufwache, gibt mir erst eine weitere heiße Dusche das Gefühl, die Kälte endlich abgeschüttelt zu haben. Andererseits hatte Mike auch so einen komischen  Einteiler, von ihm liebevoll Faserpelz genannt, an. Sein Geheimnis um kalte Segeltörns zu überstehen?

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http://luvgier.blogspot.de/2016/11/adventstorn-mit-kalten-fuen.html

 

…. und hier geht’s zum zweiten Teil, also zurück nach Maasholm, auch nicht ganz ohne Probleme.

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