Der ideale Motor für ein Folkeboot

ist der Wind!!

Folgende Mail war heute in unserem Posteingang:


Hallo Katja und Mike,

in der Hoffnung euch nicht gerade beim Anrühren von Epoxi zu stören, möchte ich euch um Rat bei der Wahl der Motorisierung meiner Folke bitten.
Ich habe jetzt schon sämtliche Foren durchgeblättert, komme aber auf kein einheitliches Ergebnis. Ich möchte die Winterzeit nutzen, um kostengünstig auf dem Gebrauchtmarkt einen entsprechenden AB zu erwerben. Leider ist mein 5PS 4takter mit Normalschaft offensichtlich zu kurz und es muß ein neuer her.

Nun die Frage / Fragen: Was empfehlt ihr?
Langschaft oder Ultralangschaft?
4 takter oder 2 takter?
2 Zylinder oder 1 Zylinder?
4,5,6 oder mehr PS?

Wie ich euch ja vor kurzem bereits mitgeteilt hatte, liegt mein Heimathafen auf Fehmarn direkt am Sund. Hier kann bei bis zu 3 Knoten Strömung die Einfahrt in den Hafen unter Motor schon mal spannend werden.
Ich möchte aber auch nicht gerade die Bugspitze drei Meter aus dem Wasser ragen sehen, weil hinten ein 300kg schwerer AB angebracht ist – ihr versteht was ich meine.
Wie auch immer, ich bin mir sicher, dass ihr bei der Wahl der Motorisierung eurer Boote reichlich Erfahrung gesammelt habt und würde mich freuen, ein wenig Hilfestellung zu erhalten.

Mit herzlichen Grüßen
Holger


Moin Holger,

danke für das Vertrauen, was Du uns offensichtlich entgegenbringst.

Zu Deiner Frage kann man auf jeden Fall sagen: Es gibt den idealen Motor nicht, außer natürlich den Wind.

Welchen Motor jemand favorisiert, hängt vor allem vom Einsatzzweck ab.
Der Regattasegler, braucht eher gar keinen und wenn, dann nur einen ganz leichten. Die „ehrlichen“ Regatten werden eh ohne gesegelt, dann liegen die Dinger reihenweise einsam am Steg rum.

Das Charterboot wiederum braucht einen der ein Folke auch mal 5 Stunden von Marstal nach Maasholm schieben kann, ohne dass ihm die Puste ausgeht. Dazwischen gibt es alle Facetten.

Wir haben momentan 5 verschiedene Motoren im Einsatz:

1) 8 Ps, Yamaha, Zweizylinder, Zweitakt, Langschaft
2) 6 Ps, Tohatsu, Einzylinder, Viertakt, Langschaft
3) 5 Ps, Mercury, Einzylinder, Viertakt, Langschaft
4) 4 Ps, Silva, Einzylinder, Viertakt, Langschaft (war bisher Ersatzmotor)
5) 4 Ps, Einzylinder, Zweitakt, Langschaft (war bisher Ersatzmotor)

Grundsätzlich kann man sagen, je länger der Schaft, desto besser. (Kurzschaft geht gar nicht) Ein besonderer Schubpropeller ist o.k., er hilft jedenfalls beim Beschleunigen und Aufstoppen.
Wenn man zu den neumodischen Viertaktern, wie Mercury oder Tohatsu (die sind übrigens baugleich) greifen möchte, spricht nichts gegen die 6 Ps Variante. Es gibt auch 4 PS oder 5 PS, allerdings sind die nicht leichter, sondern sind nur irgendwie gedrosselt, oder haben eine andere Bohrung. Jedenfalls kann man kein Gewicht sparen, dann lieber zu mehr Ps greifen.
In der Reisegeschwindigkeit bei wenig Wind und Welle spielt die Ps-Leistung nur eine untergeordnete Rolle, wenn überhaupt. (Liegt bei 4,5 – 5 Knoten)

Unterschiede neben dem Gewicht der Motoren sind das Startverhalten und die Laufkultur. Nr.1) ist der unangefochtene Favorit in beiden Disziplinen. Jedes Kind kann ihn starten, auf Grund der Zweizylindertechnik, ist das echt einfach und aus gleichem Grund läuft das Ding seidenweich.
Unsere Charterer lieben den Motor. Nachteil: Er ist deutlich schwerer, als alle anderen Genannten, es gibt ihn nicht mehr neu, er braucht Gemisch und davon etwa 0,6 – 0,7 Liter / Stunde mehr, als die Viertakter.

Insofern ist auch zu den Viertaktern 2), 3) und 4) alles gesagt, laufen im Vergleich rauher, lauter und springen schwerer an, bzw man muss eben deutlich kräftiger am Handstarter ziehen. Dafür sind sie mit einem Verbrauch von 1 Liter bis 1,2 Liter / Stunde sehr sparsam und etwa 5 kg leichter als der Yamaha.

Nr 5.) ist ein alter Einzylinder Zweitakter, dessen Marke ich momentan vergessen habe. Er kam  nur als Ersatz zum Einsatz. Das Ding ist laut und klappert, dafür ist er wahnsinnig zuverläßig, springt an, auch wenn er ein halbes Jahr irgendwo in einer Ecke gestanden hat. Er ist der Leichteste im Vergleich mit so um die 20kg.

Alle Motoren haben eine Schaltung, der Tohatsu als neuester hat diese als einziger vorne angebracht. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil bei Hafenmanövern, wenn man auf dem Achterdeck kniet. Man kommt viel leichter ran, als wenn die Schaltung neben dem Motor sitzt.

Würde ich ohne Charterabsichten nur mein eigenes Folke motorisieren, würde ich zu einem 3,5 Ps Zweitakter greifen, ohne Schaltung. Zum Rückwärtsfahren muss er dann eben um 180 Grad gedreht werden. Vorteil ist, dass derlei Motoren nur etwa 12kg wiegen. Dafür sind sie aber nur im Hafen oder bei absolut glattem Wasser einsetzbar.

Soviel zu unseren Erfahrungen

Zusammenfassend kann man sagen:

Am besten Segeln :-)!

Wer es wirklich kompfortabel möchte, greift zum Zweizylinder, es gibt einen recht gut bestückten Gebrauchtmarkt.
Wer einen Neuen braucht, wählt einen Viertakter, Marke ist nicht so wichtig, mit um die 5 Ps.
Wer eigentlich eh NUR segelt nimmt den Leichtesten, den er finden kann und verzichtet auf eine Schaltung.

Gerne darf jeder, der einen zusätzlichen Tipp hat, unten in die Kommentare posten.
Vielleicht gibt es jemand, der etwas zu Elektromotoren zu berichten hat, dann nur zu. Stephan (Boden), ließt Du zufällig gerade hier mit, dann sag doch mal zwei, drei Worte zu Deinen aktuellen Erfahrungen!

Gruß Mike

 

Ach ja und wer wissen will, ob man so’n Ding alleine warten kann, wird hier schlau gemacht:

Hier geht es zu einem Link von Digger Hamburg, der seine Erfahrung mit dem Torqueedo beschreibt:

http://www.diggerhamburg.com/2014/07/20/torqeedo-die-langzeiterfahrung/

 

21 Kommentare

  • Bea Warnecke says:

    Respekt!!!!
    Super Antwort auf eine ernst geneinte Frage.
    Macht weiter so😃

  • Ulli Jäger says:

    Hi Mike, ich benutze an meinem IF Boot Aglaia den 6 PS Tohatsu mit Ultralangschaft. Super zuverlässig und sparsam. Damit geht auch der Nordostsee Kanal an einem Tag 👍🏻

    • klassisch says:

      NOK haben wir schon mit allen genannten Motoren gemacht, allerdings bei unterschiedlicher Lautstärke und unterschiedlichem Verbrauch!
      Gruß Mike

  • Marcus Fruggel says:

    Hallo,
    im Grunde hat Mike schon alles gesagt.
    hatte bis zum Sommer einen Tohatsu 2-Takt mit 2 Zylindern und 8 PS. Zuverlässig und gut. dann leider Kühlwasserprobleme, nicht der Impeller,sondern vermutlich die Kopfdichtung. Haben dann auf einen neuen 4-Takter mit 6 PS gewechselt.
    Beide haben UL-Schaft – das sind glaube ich 12 oder 18 cm Unterschied. Startet auch gut und ist mir auch im Leerlauf nicht einmal ausgegangen. Mit der Schubschraube kann ich im Hafen alle manöver im Leerlauf fahren – das ist wirklich top.
    Verbrauch ist wie Mike es schreibt niedriger.
    Nachteil: den alten konnte ich höher aufs Achterdeck ziehen. Beim 4-Takter geht das nicht, der leckt dann.
    Gruß Marcus

    P.S. : liegen in heiligenhafen, vllt sieht man sich im Sommer mal.

    • klassisch says:

      …. wo leckt der 4-Takter denn. Das darf auch bei komplett waagerechter Stellung nicht passieren. Pinne muss in Richtung Deck zeigen, sonst kann Sprit durch die Ventile in den Brennraum gelangen, hat aber nix mit der Leckproblematik zu tun?

  • Kira Handeloh says:

    Wir haben uns im Frühjahr einen Toqeedo gekauft und waren den ganzen Sommer in den Schären vor Stockholm mit unserer HR42
    Der alte zehn PS zweitackter war mir einfach zu schwer zum an und ab bau an unserem Ferstrumpf Dingi und dann noch das Gepansche mit dem Sprit und dem Tank bzw. Kanistern
    Nach einer Saison für uns eine gute Anschaffung und in der Ostsee völlig ausreichend um vom Ankerplatz an Land oder zu einkaufen zu fahren
    mindesten zwei mal am Tag zum gassi gehen mit dem Hund an Land da hält die Akkuladung Ca. eine Woche
    Er ist leichter als ein Benziner , keine Tanks und Kanister , Geruchs los darum auch im Schiff zu lagern , laden über Maschine , Solar , landstrom und leise im Betrieb
    Auf einem größerem Boot würde ich mit Reserve Akku fahren
    Auf der Hanseboot gab es noch einen Anbieter in ähnlicher Ausführung mit etwas mehr Leistung sah auch sehr gut aus
    Lg Eddy von der Kira

    • klassisch says:

      Danke Dir für den Beitrag. Gebe allerdings zu bedenken, dass wir keine Einbaumaschine zum Laden haben, ein Folke schwerer als ein Dinghi ist und bei uns evtl. auch mal ein Kunde bei Flaute von Dänemark nach Hause will. Aber für Privatpersonen sicher eine Alternative, deren weitere Entwicklung man im Auge behalten sollte. Keine Kanister, klar, aber der Akku ist ja vermutlich auch nicht leicht und will man damit soweit kommen wie mit 12 Liter Sprit, braucht man sicher ein paar von den Dingern, die dann mehr als 12kg wiegen. Hat also, wie alles, Vor und Nachteile.

    • Kira Handeloh says:

      Im Charter vielleicht nicht optimal aber als Eigner ohne Zeitdruck zum an und ablegen sicher eine Alternative bei Flaute 😉

  • Erik Pommer says:

    Perfekt geantwortet!
    Pommery hat als Regattaboot den Honda BF2.3 erhalten: 12kg, 2,3PS, Langschaft
    Seit über 10 Jahren ist er super zuverlässig, verbraucht auf Vollgas 1l/h und macht auf Glattwasser 4,5kn…
    Ist aber eben der reine Flautenschieber und im Halfen zum manövrieren hilfreich.

    • klassisch says:

      genau das Ding hatten wir bei unserer Reise am Dinghi. Geht aber noch leichter als Zweitakter….

  • Robert says:

    Hallo zusammen. Ich fahre einen alten 2-Takt 6PS Johnson Langschafter an meinem Folke. Weniger Leistung würde ich nicht haben wollen. UL-Schaft hätte ich gern. Geht es gegen hackige Wellen gegenan oder geht ein kräftigerer Mitsegler aufs Vordeck, wirds hinten laut – und Druck is weg. Die Schraube taucht (fast) aus… Das ist nicht so gut. Das Spritgemische müsste ich auch nicht haben. Aber für einen „neuen“ 4-Takter war das Sparschwein noch nicht bereit.

    • klassisch says:

      …. never change a running system, lieber ’n Satz neue Segel, statt ’nem anderen Krachmacher 🙂

  • klassisch says:

    … aber wo wir gerade dabei sind: Wer einen 2 Zylinder, Zweitakter mit 8 Ps von Yamaha anzubieten hat, kann uns gerne eine mail an info@klassisch-am-wind.de schicken!

    Gute Nacht zusammen!

  • Holger says:

    Hallo Mike, hallo Leute,

    zunächst einmal tausend Dank für die sehr detaillierte Antwort. Danke auch an die Folkebootfreunde, die mit ihren Kommentaren meine Kenntnisse zur Motorisierung bereichert haben.
    Ich folge Mike seinen Rat und mache mir zunächst einmal Gedanken darüber, wo und wie mich der AB unterstützen soll.
    Die Folke sollte nicht gerade die langsamste ihrer Art sein aber auch kein Rennboot welches sich bei Regatten messen muß. Der AB sollte mir das Manövrieren – auch bei starker Strömung – in den Hafen und im Hafen leicht gestalten. Er sollte mir ein zuverlässiger Antrieb über längere Zeit bei Flaute und Seegang sein. Einen Schubpropeller haben. Günstig im Verbrauch und möglichst laufruhig. Und, ich glaube dieser Punkt wurde noch nicht erwähnt, er sollte mir als Stromquelle zum laden der Batterien dienen.
    Also ein AB um die 30 kg, 5 – 6 PS stark, lieber Ultralangschaft aber mind. Langschaft, 4 Takter. Ob Ein – oder Zweizylinder hängt vom Gewicht ab. Lieber Zweizylinder aber ich befürchte den gibt es unter 35 kg nicht.
    Mal sehen was die Kleinanzeigen dazu sagen.

    Hier noch ein Hinweis zum Thema E-Motor:
    Ich besitze noch eine offene Kieljolle von 6 m und ca. 700 kg Gewicht. Diese habe ich mit einem E-Motor der Marke Talamex TM 40 für Boote mit 1200 kg Gewicht ausgestattet. Der Motor ist perfekt für Hafenmanöver. Einmal im offenen Fahrwasser wird der Motor mit seinen 12 kg Gewicht einfach abgeschraubt und im Bug verstaut.
    Jedoch ist ein E-Motor als Flautenschieber aus meiner Sicht nicht zu empfehlen. Strömung und Seegras lassen die Batterieleistung viel schneller als vom Hersteller angegeben in die Knie gehen. Ausserdem muß beachtet werden, das der Motor zwar nur 12 kg wiegt, jedoch die benötigte Batterie von mind. 100Ah nochmal 40 kg wiegt. Also zusammen über einen Zentner Gewicht.
    Der von vielen Seglern angepriesene Torqueedo Motor mag vielleicht eine echte Alternative sein, jedoch habe ich nicht gerade 3000 Euro und nochmal 900 Euro für einen Akku zur Verfügung.

    Gruß, Holger

    • klassisch says:

      Moin Holger,
      schön, wenn Dir unsere Ausführungen weiter geholfen haben.
      Ich habe auch ein paar Jahre im Fehmarnsund in Großenbroder Fähre gelegen, allerdings mit einem Stahlschiff. Das hat knapp 6 Tonnen und nur 14 Ps, auch damit hatte ich nie Schwierigkeiten in den Hafen zu kommen. Insofern ist man mit einem 4 Ps Motor an einem Folkeboot eher gut motorisiert.

      Also viel Spaß beim Auswählen.
      …… und Folkeboot-Treffen am 20.05. in Arnis nicht vergessen!!
      https://www.klassisch-am-wind.de/2016/12/07/folkeboottreffen-2017/

      Gruß Mike

  • Andrea Könitzer says:

    Falls ihr 2-Takt Motoren wollt, sucht in der Schweiz. Denn ab 2017 sind die Stinker in der Schweiz verboten…

    • klassisch says:

      Für ’nen gebrauchten Außenborder in die Schweiz fahren ist natürlich sportlich, und ohne Probelauf hätte es ‚was von „Katze im Sack“!
      Aber vielleicht ja für den einen oder anderen trotzdem interessant, danke für den Tipp.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.