Segelsommer mit Tzefix von Lisa Müller (Teil 2)

Fortsetzung Sommertörn 2015

 

Nach ein paar Tagen auf Anholt mit netter Gesellschaft passt auch für uns der Wind aus Ost und wir legen zeitig ab, da bei 2-3 Bft ein langer Segeltag bevorsteht. Leider müssen wir etwas nördlicher halten und dann eine Halse einbauen um nicht zu sehr direkt vor dem Wind zu geigen. Zeit genug, mit dem Ausbaumer zu experimentieren, denn so dauert es dann auch 10 Stunden bis wir das markante Leuchtfeuer Hals Barre

querab haben und bei dem mittlerweile auf 4 aufgebriesten Wind immer noch eine weitere Stunde bis wir endlich im Hafen von Hals festgemacht haben.

Gut so, kurz darauf schauert es, der Beginn einiger Tage wechselhafen Regenwetters. Wir kreuzen uns mit viel Schräglage geschützt bis Aalborg, wo nach Passage der ersten zwei der vielen Brücken, die uns noch erwarten, ein paar Tage zur Erkundung der schönen, freundlichen Innenstadt die Zeit bis zum Abflauen des Westwinds verkürzen.

Dennoch laufen wir nach 3 Tagen unter Motor aus und mit einer Frühstückspause in Gjöl weiter bis Lögstör,

der immer noch kräftige Wind und viel Verkehr direkt von vorne motivieren mich nicht gerade dazu, die 25 nm zu segeln und schließlich wollen wir sehr gerne dem sehr engen östlichen Teil des Limfjords entkommen. Wir lernen die enorm kurze, steile Welle des Limfjords zum ersten Mal kennen und sammeln so einiges an Seegras ein, das aber nach kurzer Rückwärtsfahrt stets problemlos wieder verschwindet.

 

Eine weitere Brücke später machen wir schon am Nachmittag im engen Hafen fest. Hier findet zufällig gerade ein Jazzfestival statt, der Hafenmeister taucht nur am ersten Tag auf, da wir leider verholen müssen, was sich bei dem herrschenden starken Seitenwind als sehr genau überlegte Veranstaltung mit viel Leinenarbeit darstellt. Immerhin ist der neue Platz sehr geschützt. Nach dem vielen Motoren steht natürlich beim Landgang der Besuch einer Tankstelle auf dem Programm, die zum Glück nicht weit weg zu finden ist. Auch hier müssen wir nach dem Auslaufen noch ein Stück unter Motor den engen Lögstör Kanal hinter uns bringen bis wir endlich wirklich im weitläufigeren Ostteil angekommen sind, die Segel setzen und bei Livö, einer zauberhaften Insel im Schutz einer langen, schmalen Landzunge vor Anker gehen.

Da zum Abend der Wind deutlich abflaut rudere ich unbesorgt an Land um mir die Füße zu vertreten. Als ich zum winzigen Hafen zurück komme finde ich Ding i vor dem Bug eines schwedischen Motorboots, bemannt mit dessen Eigner, der mir erklärt er habe es sich kurz ausgeliehen um ein Problem an seiner Ankerklüse zu bearbeiten, was nur vom Wasser aus möglich sei. Er entschuldigt sich vielmals mich nicht gefragt zu haben und schenkt mir als ich fertig bin eine Flasche Wein. Da er mit seinem Schraubenzieher kein Loch in Ding i gepiekst hat bin ich ihm nicht böse und rudere eben erst als er fertig ist im Abendrot zurück zu Tzefix. Es wird unerwartet eine äußerst ungemütliche Nacht, der Wind nimmt zu und dreht weitaus früher als vorhergesagt. Auch wenn der Anker gut hält beschließe ich beim ersten Morgengrauen in den Hafen zu verholen, die weitere Vorhersage verheißt 7-8 Bft und bei dem unsichtigen grauen Wetter möchte ich mich nicht um die kaum aus dem Wasser ragende Landzunge tasten, wir segeln zwar nur unter Groß ein Stück an ihr entlang, aber da wird es immer diesiger und die Kardinaltonne, die das Ende markiert ist nicht zu erkennen.

Im Hafen, der nur ein viereckiges Becken ist legen wir uns längsseits ganz in die innerste Ecke, ich bringe reichlich Leinen aus und mache alles sturmfest. Nach dem Frühstück falle ich bei immer stärker werdendem Regen nochmal in die Koje. Kaum zu glauben, dass Ende Juli ist. In den nächsten zwei Tagen ändert sich am Wetter nicht viel, nur der Regen wird zum Ende etwas weniger. Ich spaziere noch mehrmals ausgiebig über die kleine Insel, die auf engstem Raum so viele verschiedene Landschaften verbindet. Von Ackerfläche und Wald bis hin zu Heide und einem kleinen Sumpf ist alles dabei. Im Tante Emma Laden bezahle ich Hafengeld und kann mich mit dem Nötigsten versorgen, Wasser und auch Strom gibt es im Hafen, sehr gut, denn ich hole zum ersten mal den Heizlüfter raus. Etwas Hafenkinon wird mir sogar auch noch geboten, die Schweden sind weg und es suchen noch drei weitere Boote vorübergehend Schutz im kleinen Hafenbecken. Darunter eine große Charteryacht mit Familiencrew an Bord, die sich aus nur für sie ersichtlichen Gründen gegen die komplett freie Seite entscheidet und an der Kante vor mir hinter einem schon eingetroffenen jungen Paar mit Kleinkind längsseits an einem Seekreuzer festmachen will. Ziemlich viel Geschrei und Gezeter folgen, hektisch laufen mit Fendern ausgestattete Crewmitglieder hin und her, nur achtern wo das ausladende Badeplattformheck Tzefix´ oberste Planke um ein wenig Lack erleichtert kommt natürlich kein Fender hin. Mittlerweile sind alle anderen Hafenlieger auf den Beinen, halten ab, nehmen Leinen entgegen und enthaken Bugkörbe bis sich der Skipper dann doch für die freie Seite entscheidet und feststellt, dass es gar nicht so leicht ist sein Schiff in der Enge dorthin zu wenden ohne irgendwo anzustoßen. Während des ganzen Vorgangs hat in der vorderen Ecke ganz unspektakulär eine kleine Maxi namens „Relax“ festgemacht, wenig später komme ich mit der einhand segelnden Dänin ins Gespräch. Malene kommt aus Struer, ist also auf dem Heimweg und möchte hier noch ihre Cousine besuchen, die als Betreuerin in dem Ferienlager, das auf der Insel stattfindet, arbeitet. Bis auf die Feriengäste und einen Bauernhof scheint es auch keine weiteren Bewohner auf Livö zu geben. Besagte Cousine lädt uns ein mit ihnen zu essen und obwohl ich kaum dänisch verstehe, kriege ich ganz gut mit was los ist, die anderen bemühen teils eingerostetes Schuldeutsch oder sprechen ganz gut Englisch.

Nach drei stürmischen Hafentagen klart es etwas auf und Malene und ich beschließen zusammen auszulaufen. Ich lasse ihr den Vortritt, doch wir haben sie bald eingeholt, ich nehme die Fock weg, wir laufen immer noch 5,5 kn und so kann Malene ungefähr mithalten. Auch mal nett, so gemeinsam zu segeln. Bei Fur verabschieden wir uns, Malene will bis Struer durchsegeln, ich will mir erstmal Fur ansehen und so lädt sie mich noch ein bei ihr vorbei zu kommen wenn ich weiter im Westen bin bevor sie am trüben Horizont verschwindet. Fur ist deutlich größer als Livö, entsprechend besiedelt aber nicht überlaufen. Ich mache wie immer einen langen Spaziergang, vorbei an Steinbrüchen,

die Bodenschichten in vielfältigen Farben und Formen zeigen. Der Abbau des sogenannten „Moler“, einer nur hier vorkommenden Lehm/Gesteinsart, ist auch heute noch im Gange.

Weiter geht’s bei wechselhafen Winden kreuzend aus dem Fur Sund nach Ejerslev im Norden der noch etwas größeren Insel Mors. Die ganze Insel scheint aus Getreidefeldern zu bestehen. Der Hafen ist ein hübsch hergerichteter ehemaliger Steinbruch, bzw. dessen Verladestelle, das Bagerloch dahinter nennt sich heute Lagune. In diesem Teil des Limfjords gibt es für jede Windrichtung ein passendes Ziel, auch wenn weiterhin westliche Winde herrschen komme ich ganz gut in diese Richtung vorwärts, bei den kurzen Distanzen und abwechslungsreichen Fahrwasser machen auch mal Kreuzschläge oder Amwindstrecken Spaß und wir kommen trotzdem schon nach ein paar Stunden immer wieder ganz wo anders an, eine schöne Abwechslung zu den relativen Weiten des Kattegats. Leider können wir nicht so viel ankern wie wir gern würden, das Wetter gibt sich zu unsicher für meinen Geschmack oder ich verbringe den ganzen Tag an Land und da möchte ich Tzefix dann doch lieber im Hafen lassen. Im Norden Mors besuche ich einen zum Freilichtmuseum umgestalteten Bauernhof und das Moler Museum,

dass den Fossilienreichtum dieser Bodenschichten deutlich macht. Auf dem Rückweg zum Hafen habe ich hervorragenden Ausblick auf Feggeklit, die schmale Klippe am Nordende der Insel, um die sich Geschichten und Gerüchte von Hamlet ranken. Von hier aus segeln wir an der Küste Mors entlang gen Süden, die Brücken sind hoch genug um darunter durch zu segeln und weils grad so viel Spaß macht, wir noch recht früh dran sind und sogar die Sonne etwas scheint lassen wir die Häfen an Mors Südküste rechts liegen, beschließen vor Jegindö, das wir uns für den Rückweg aufheben wollen, nach Nordwesten abzubiegen und bis Doverodde weiter zu segeln. In dem engen aber gut betonnten Fahrwasser bis dorthin nehme ich die Fock für den Teil den wir am Wind kreuzen müssen kurz weg, so kreuzt es sich zwar etwas schlechte, dafür habe ich Zeit die Ufer zu betrachten und nach den Tonnen zu schauen ohne ganz so viel Schräglage.

Doverodde ist bis auf ein großes Silo am Ufer ein schöner Hafen, der schon auf Nordjütland liegt. Von den Hügelgräbern, zu denen ich tags darauf wandere könnte man bei guter Sicht vielleicht schon die Nordsee sehen. Nach dem Spaziergang legen wir am späten Nachmittag noch nur unter Fock ab, es hat wenig Wind und wir lassen uns ganz gemächlich das Fahrwasser zurück durch die ruhige Abendlandschaft schieben um nach 2 Stunden in die Glomstup Vig abzubiegen, wo sich neben den privat ausgelegten Tonnen vor dem Ende der Bucht noch genug Platz zum Ankern findet. Da sich der Wind dieses Mal an die Vorhersage hält und am nächsten Morgen leicht aus Südost pustet haben wir eine ruhige Nacht bevor wir wieder nur die Fock setzen um die nicht ganz 8 nm nach Jegindö zu segeln. Ich möchte in diesen geschützten Gewässern und mit der Zeit, die wir haben mal rausfinden, wie Tzefix sich auf verschiedenen Kursen nur unter Fock (oder nur unter Groß) verhält und so bleibt das zwar ausgepackte und angeschlagene Großsegel auch durch das Nadelöhr in die Kas Bredning festgebändselt. Wir Halsen gegen den Wind durch dieses Nadelöhr, aber so verlieren wir nicht so viel Fahrt in der kurzen steilen Welle und werden weniger zurück getrieben als beim Wenden. Da es etwas aufgefrischt hat kommen wir auch so gut voran und eilig haben wirs ja eh nicht, der Hafen ist schon in Sichtweite. Zum Einlaufen hilft uns dann doch Knatterle wieder aus, auch dieser Hafen ist ziemlich eng und wir wollen uns wegen des angesagten Regenwetters mit zunehmendem Wind gegen selbigen positionieren. Der Plan geht auf, am nächsten Tag regnet es ohne Unterlass und ich bin froh gleich nach der Ankunft noch mit einem der frei verfügbaren Fahrräder eine Runde gedreht und den Keksvorrat aufgestockt zu haben. So kann ich unbehelligt den ganzen Tag in der Koje liegen, dem Regen zuhören und lesen.

Von hier aus wollen wir nach Struer, Malene besuchen. Bei gut 3 Bft aus SW segeln wir an weiteren der allgegenwärtigen schmalen Landzungen, die alle irgendwas mit Tap oder Odder heißen vorbei in die Venö Bucht. Obwohl wir im Windschatten der Insel Venö segeln, steht in der Bucht eine unangenehme, weil sehr steil und kurze Welle, da wir das letzte Stück in die Bucht von Struer genau SW fahren müssten knallen und hopsen wir beim Kreuzen durch diese Wellen als wären mindestens zwei Windstärken mehr. Ordentlich durchgerüttelt machen wir in Struer fest. Dort holt mich auch gleich Malene ab und nimmt mich mit zu ihrer Familie im Hinterland wo wir erst grillen und dann im lauen Abendlicht durch Garten, Felder und Weiden der Umgebung streifen bis sie mich wieder zum Hafen zurück bringt. Es folgt die bisher kürzeste Etappe, durch ein Nadelöhr mit der kürzesten Fährverbindung des Limfjords in den Venösund. Wir sind daher wieder nur unter Fock und zum ersten Mal nur in T-Shirt und kurzer Hose unterwegs. Würde ich nicht Venö sehen wollen würde ich wohl einfach den ganzen Tag weiter segeln. So aber machen wir schon zur Mittagszeit im kleinen Hafen mit großen Boxen fest. Die Insel ist nicht viel größer als Livo, aber schmaler und langgezogener und es leben deutlich mehr Menschen hier. Ich freue mich darüber, dass endlich mal da Sommer ist wo ich grade bin, esse Eis, besichtige die Insel und die kleinste Kirche Dänemarks, am nächsten Morgen schwimme ich sogar zum ersten Mal diesen Sommer eine Runde, und das obwohl mittlerweile schon August ist. Das erinnert mich daran, dass wir ja noch ein weiteres Ziel vor Augen habe, und auch wenn wir es nicht direkt eilig haben, sollten wir wohl langsam schauen, dass wir dort hin kommen. Also segeln wir am nächsten Tag durch die westlichste Brücke des Limfjords, deren eine Öffnung wir leider knapp verpasst haben und daher eine halbe Stunde davor auf und ab segeln müssen, in die Nissum Bredning. Der Wind weht mit nur 2, max. 3 Bft und leider nicht wie prognostiziert aus SW sonder NW. So wird aus dem Anlieger am Wind aufgrund der bekannten Welle im nur 6-7m tiefen Wasser eine nervige Kreuz gegenan. Wir nutzen bis zur Ansteuerungstonne in das lange, schmale Fahrwasser die gesamte Breite der Bredning aus kommen so auch mit nicht all zu vielen Wenden dort an. Im engen Fahrwasser kommen wir zum Glück mit wenigen Wenden gut voran, außerhalb ist das Wasser nur noch einen Meter tief, da möchten wir wirklich nicht zu dicht an den Rand kommen, aber die Welle ist so gut wie verschwunden und ein leichter Strom zieht uns bis vor die Einfahrt des großen Hafens von Thyboroen. Nur ein flaches Stück Sand mit Windrädern trennt uns in diesem Fahrwasser von der Nordsee, von der natürlich trotzdem nichts zu sehen ist. Ich starte Knatterle schon mal, auch wenn wir noch 2 oder 3 Vorhafenbecken voller Fischtrawler und Krabbenkutter passieren bis wir im hintersten Becken zwischen anderen Segelyachten ein Stück freie Betonspundwand mit Leiter zum festmachen finden, es ist ziemlich viel los. Ich liebe längsseits anlegen, auch wenn man hier gut ein Fenderbrett gebrauchen könnte, ein leichter Tidenhub ist schon bemerkbar, vielleicht finde ich ja mal ein passendes Stück Treibholz. Natürlich laufe ich sofort zum Strand vor um die Nordsee zu begrüßen, die sich fast regungslos und grau vor mir bis zum leeren Horizont erstreckt. Nur die großen Molen und die Buhnen sowie die massive Hafenbefestigung verdeutlichen, dass das längst nicht immer so ist. Als ich eine halbe Stunde später vom Gang zum Hafenmeister zurück komme, staune ich nicht schlecht, liegt doch dichter Nebel über dem Hafen, von der Nordsee ist nichts mehr zu sehen. Wie gut dass wir schon da sind.

Thyboroen, von dem ich schon so viel gehört und gelesen hab, entspricht vollkommen meinen Erwartungen, die auf Grund der zahlreichen Schilderungen nicht unerheblich waren. Erstmals seit Aalborg hinter uns liegt sind wieder viele Schiffe da und es herrscht ein reger Austausch. Viele sind von Helgoland oder gar England direkt hier her gesegelt, naheliegender Weise sind wir wieder das kleinste Boot im Hafen, was zuletzt nicht mehr so oft der Fall war, auf Mors war sogar eine Crew mit Wanderjolle unterwegs. Im gespenstisch wirkenden Nebel laufe ich zur Tankstelle, deren Lage mir ein Einhandsegeler aus Freiburg, der ein paar Schiffe hinter mir liegt beschrieben hat. Auch er kam von Helgoland, unter Selbststeuer und mit AIS und Plotter hat er bei der Überfahrt immer mal wieder kurz geschlafen, etwas das ich mir nicht vorstellen kann und mich nicht traue. Da diese Ausrüstung eh nicht habe, begrenzt sich meine Etappenlänge naturgemäß auf eine Wachphase, weswegen ich schon auch etwas aufgeregt bin, denn wenn wir in die Nordsee raus fahren, liegen mehrere Etappen über 40 und sogar 50 nm vor uns. Da wir uns ja erstmal noch kennen lernen mussten und ich vorher nie alleine so lange Strecken gesegelt bin, sind wir unter anderem deswegen gegen die vorherrschende Windrichtung durch den Limfjord gesegelt, ich wollte zuerst mal in der Ostsee mit dem Abstecher nach Anholt testen wie es so ist 30 bzw. 45 nm zu segeln und diese auch fast immer zu steuern, festgelaschte Pinne funktioniert nämlich bei 1m Welle und achterlichem Wind schon nicht mehr.

 

Ich habe mir vor genommen, hier max. eine Woche auf passenden Wind zu warten und andernfalls eben wieder über die Ostsee zurück zu segeln. Aus Erfahrung weiss ich, dass es bereits Ende August/ Anfang September an der Nordsee tagelang so stürmen kann, dass ich nicht würde segeln können. Aber so lang muss ich gar nicht warten, bereits am nächsten Tag ist konstanter Wind aus WNW angesagt, 3-4, meine Lieblingswindstärke, da genug um zügig voran zu kommen, was wir bei der langen Etappe brauchen, aber noch nicht zu viel um vor den Molen der Westküste eine all zu hohe Welle aufzubauen, eine der größten Gefahren hier vor der an allen Stellen gewarnt wird. Also zeitig los, aus dem Hafen gesegelt  und in den breiten Thyboroen Kanal, hoch am Wind sind wir nach zwei Wenden durch die höchsten Wellen durch auf der Nordsee. Wir fallen ab, segeln merklich aufrechter bei etwas weniger als halbem Wind mit 5 kn etwa eine Meile vor der Küste auf südlichem Kurs, den wir mehr oder weniger strikt bis Hvide Sande halten können.

Bald gewöhne ich mich an die zwar höheren aber durch ihre Länge viel angenehmeren Wellen, die anfängliche Aufregeung legt sich und ich freu mich, dass wir so gut voran kommen und die Nordsee so ein freundliches Gesicht zeigt. Thorsminde lassen wir links liegen, es würde zwar die Strecke halbieren, hieße aber auch zwei Segeltage und für morgen und übermorgen ist Südwind angesagt. Außerdem sieht das Gewell vor der Hafeneinfahrt schon etwas gruselig aus, also bringen wir weitere 25 nm hinter uns und hoffen, dass sich die Wellen vor der etwas breiteren Hafeneinfahrt von Hvide Sande auch etwas weniger aufbäumen. So ist es denn auch und kaum dass wir innerhalb der Mole sind ist  das Wasser ruhig, ich berge die Segel und laufe in das große Hafenbecken um die Ecke ein. Dort machen wir nach 48 nm und 9 Stunden an einem etwas lieblos aussehender Schwimmsteg fest, den wir erstmal für uns alleine haben. Während der nächsten 3 Tage, die wir wegen des anhaltend schwachen Südwinds hier verbringen, kommen nur zwei oder drei andere Yachten mal für eine Nacht vorbei, allesamt größer und auf dem Weg nach Norden. Dafür kommen etliche Trawler, die ihren Fang zu Fischauktionshalle direkt gegenüber bringen und stets reichlich Schwell verursachen. Zur Unterhaltung baggert auch tagtäglich ein Baggerschiff im Hafenbecken rum. Da im Hafen so wenig los ist, bin ich ganz erstaunt, wie viele Landtouristen hier unterwegs sind, der Strand ist dicht bevölkert und da das sonnige Wetter mal wirklich warm ist, schwimme auch ich noch die ein oder andere Runde. Natürlich schaue ich mir auch die Fischhalle näher an, jeden Sonntag findet zudem eine Auktion für Touristen statt. Fisch kann man aber auch so an jeder Ecke kaufen, viele kleinere Kutter verkaufen auch direkt von Bord aus. Was nicht fehlen darf ist die Wanderung zum Leuchtturm Lyngvig Fyr, an dem wir vorbeigesegelt sind und der mir aus so ziemlich jeder Navigationsklausur meines Studiums wohl bekannt ist. Klar, dass ich da hoch muss. Die Aussicht kann sich sehen lassen, von See aus betrachtet ist die dänische Westküste ja ein einziger langer Sandstrand mit Dünen, nur unterbrochen von den Hafeneinfahrten. Von oben überblickt man die breite Dünenkette und sieht über den Ringkoebing Fjord bis zur gleichnamigen Stadt. Da Hvide Sande ansonsten nicht so viel Abwechslung bietet, bin ich froh als nach 3 Hafentagen der Wind wieder gedreht hat. Punkt 10 Uhr verlassen wir den Hafen, in all der Zeit war kein Hafenmeister zu sehen, bezahlt haben alle brav per Briefumschlag, bis diese aus waren.

Dass wir trotz der langen Etappe nicht früher ausgelaufen sind liegt zum einen daran, dass Schießübungen in dem Gebiet vor Horns Rev stattfinden, zum anderen daran, dass erst zum Abend hin in Esbjerg einlaufender Strom setzt. Da der Wind aus NNW kommt, laufen wir einen Kurs bei dem Fock und Groß gerade noch auf der selben Seite stehen. Heute müssen wir mit etwas größerem Abstand von Land segeln, die Sandbank Horns Rev reicht weit in die Nordsee hinein und das Schießgebiet zwingt dazu noch etwas weiter auszuholen. Wir nehmen die Durchfahrt Soeren Bovbjergs Dyb. Es gibt noch zwei tief genuge Rinnen weiter innen, die sind aber nicht betonnt und daher wohl selbst wenn man ein Echolot hätte kaum zu finden, bei Wassertiefen von nur 0,5m zu beiden Seiten selbst für das Folkeboot riskant und wegen des Schießgebiets segeln wir ja eh weit außen. Ein Windpark gibt schon früh einen guten Anhaltspnkt zur Ansteuerung ab, die 1-1,5 m hohen achterlichen Wellen lassen uns z.T. Ganz schön eiern, da schwankt der Kompasskurs schon mal um 20° oder mehr, auch die Fock schlägt immer wieder aber wir kommen ganz gut voran, vor allem die lange Welle runter. Zum Zeitvertreib essen ich, erst das bereitgelegte Vesper, dann Nüsse, ziemlich bald gesalzene Nüsse. Immerhin besser als die gesalzenen Gummibärchen vom letzten Schlag. So nähern wir uns der berüchtigten Sandbank und finden auch die erste Tonne vor dem Windpark, deren Koordinaten ich zur Sicherheit als Wegpunkt im GPS gespeichert habe. Die Welle wird konfuser, kürzer und auch etwas höher, so um die 2m schätze ich, je nach dem ob ich oben bin und Weitblick habe, oder unten, und nur Wasser sehe. Wir werden langsamer und es bleibt nicht mehr ganz so trocken im Cockpit, als ich einen Moment nicht aufpasse und zu spät Gegeruder lege schwappt ein Wellenkamm herein. Dafür stellen wir kurz darauf einen neuen Geschwindigkeitsrekord von 9,6 kn auf. Gut, dass nicht mehr als 4 Bft wehen, denk ich mir noch, auch so ist es schwierig genug die Tonnen im Blick zu halten und ich bin jedes mal froh die nächste zu sichten und bestätigt zu sehen auf dem richtige Kurs zu sein. Die Abstände zwischen den Tonnen betragen um die 3 Meilen, mehr als ein Tonnenpaar gleichzeitig ist nicht auszumachen. Außer Serviceschiffen für den Windpark und einem Frachter am Horizont haben wir auf Nordsee noch keine Schiffe getroffen.

Nach Horns Rev wird die See wieder spürbar ruhiger und ich bin erleichtert diese Schlüsselstelle hinter mir zu haben während Tzefix weiter flugs dem Gradyb, dem ersten richtigen Seegatt entgegen eilt. Ihm scheinen die langen Nordseewellen deutlich lieber zu sein als die kurzen im Limfjord, wir setzen weich ein und laufen geschmeidig die Wellen ab, auch wenn wir teils ziemlich geigen. Bis auf die halbe Stunde genau erreichen wir das Gradyb im einsetzenden Abendlicht. Auch wenn uns ab hier der Strom hilft brauchen wir noch fast 2 Stunden bis im letzten Sonnenstrahl die Leinen fest sind. Dementsprechend ruhig ist es schon im tiefen Hafenbecken aber ich falle ohnehin ziemlich müde in die Koje. 11,5 Stunden auf dem selben Bug gehen ganz schön in den betreffenden Oberarm, dabei habe ich sogar zwischendurch mal kurz die Steuerseite gewechselt. Mit 54 nm haben wir heute unseren bisher längsten Schlag hinter uns und auch die Teilstrecke, vor der ich von Anfang an am meisten Bedenken hatte. Jetzt ist auch klar, dass wir nicht umkehren werden, die einzig sinnvolle Richtung ist SSW, das alles zurück zu segeln kommt kaum in Frage.

Am nächsten Tag bin ich ganz erstaunt als ich aus dem tief liegenden Hafenbecken an Land komme und die Container, die ich gestern im Dunkeln für ziellos abgestellt hielt allesamt zu kunterbunten, geöffneten Kunstanbietern geworden sind. Es ist wirklich einiges los auf diesem Kusthandwerkermarkt und so schaue auch ich mich um bevor ich weiter in die Stadt laufe um das Seefahrtsmuseum zu besichtigen. Das reicht dann aber auch schon mit großer Stadt, noch am selben Nachmittag fahren wir in ziemlicher Flaute die 2,5 nm nach Fanö rüber, da schon leichter Ebbstrom setzt reichen die Segel nicht aus.

In Fanö wird uns nämlich das Wasser nur bis 3 Stunden nach Hochwasser zum Einlaufen reichen. Ich bin gespannt, wieviel Wasser im Hafen bleiben wird und wie das für uns ist, daher stochere ich immer wieder mit einem Stock außenbords herum, ca. 40 cm sind bei Niedrigwasser noch übrig. Hier bleiben wir ziemlich lange, der Wind weht entweder zu kräftig für meinen Geschmack aus Ost, oder aber es ist flau, trüb und regnerisch. Ich finde eine Pause haben wir uns auch verdient und Fanö ist wirklich sehr schön. Wir bleiben schließlich 6 Tage in dem freudlichen kleinen Hafen etwas außerhalb des lebhaften Dorfes, in dem ständig die Fähren neue Ausflügler anlanden. Ich wandere mehrmals den ganzen Tag über die Insel, von Nord nach Süd am breiten Weststrand entlang, durch die schmucken Dörfer mit ihren reetgedeckten Friesenhäusern, durch die Heide und am Watt im Südosten mit Blick auf die Industrieanlagen Esbjergs entlang.

Der nächste Schlag verlangt, wenn auch mit 40 nm nicht mehr ganz so lang, trotzdem genaue Planung, schließlich sind wir ab jetzt im Wattenmeer unterwegs. Im Moment beginnt die Ebbe auf Fanö früh morgends, ich will bis zum Sonnenaufgang warten doch als ich das Wetter sehe verschiebe ich den Start nochmal um einen Tag, bei so trüber Sicht möchte ich nicht um die Inslen rum segeln. Hier kommt man nicht so schnell in gleichmäßig tiefes Wasser wie noch nördlich von Horns Rev und am wichtigsten ist immer, die Ansteuerung ins Seegatt zu finden, dann hat man keine Sorgen mit den Flachs mehr. Ohne Echolot bin ich vorsichtig und segele stets nur da, wo die Karte auch bei Niedrigwasser mindestens 1,5 m anzeigt. Am nächsten Tag klappts, Wetterbericht, Tidenkalender und Morgengrauen sehen vielversprechend aus, um 7 sind wir im Gradyb, Strom und Südostwind schieben uns mit gut 5 kn in die Nordsee wo wir bald wieder gen Süden segeln. Lediglich am Schießgebiet müssen wir schon wieder außen vorbei segeln, die Detonationen sind gut zu hören. Gegen Mittag nimmt der Wind etwas ab, auf einmal schlackern die Segel, nur ganz kurz, dann schlagen sie um und wir segeln auf neuem Bug genau den selben Kurs weiter. So einen abrupten Winddreher habe ich noch nie erlebt. Passt perfekt, so haben wir im Lister Tief nicht nur den Strom sondern auch noch den Wind im Rücken und sausen mit bis zu 7 kn landeinwärts. Als ich den starken Strom an der Grenzttonne feststelle bin ich froh, so viel Fahrt und Rückenwind zu haben, bei nur 2 Bft wäre aufkreuzen spätestens im schmaleren, mit winzigen Tonnen versehenen Römö Dyb sicher sehr mühsam. Froh bin ich auch mal wieder übers Knatterle, denn vor der Hafeneinfahrt in Havneby setzt eben dieser kräftige Strom quer. Der Hafen an sich ist nicht besonders, es gibt nur wenige Sportboote, was in Hvide Sande die Trawler waren sind hier die Windparkserviceschiffe. Nach einem Tag Landgang mit Spaziergang am sehr breiten Strand voller Autos und Schwimmen mit Blick auf Sylt wird es frühmorgends Zeit Dänemark zu verlassen.

Ein schöner Schlag in der Morgensonne bringt uns in den engen Hafen von List auf Sylt. Der Hafenmeister ist freudlich, überhaupt bin ich ganz verblüfft davon, wie einfach alles auf einmal ist wenn man es lesen und verstehen kann und sich dessen sicher ist. Auch wenn Englisch und oft auch Deutsch in Dänemark gut weitergeholfen haben ist es hier doch auf ein Mal irgendwie deutlich müheloser. Nach zweieinhalb Monaten hole ich den Dannebrog ein, das wars erstmal mit Dänemark. Bei schönstem Sonnenschein erkunde ich zu Fuß den Ellenbogen und schaue mir schon mal vom schmalen Strand das nur einen Steinwurf entfernte Fahrwasser des Lister Landtiefs an. Durch dieses segeln wir am nächsten Morgen gemeinsam mit zwei Yachten, die nach Helgoland wollen. Viel schneller sind die auch nicht und es ist schön mal wieder andere Segler um uns zu haben. Es ist ein wirklich guter Segeltag, der Wind weht zwar nur mit 2-3 Bft, was mir angesichts der Etappenlänge von 46 nm eingentlich zu wenig wäre, aber uns hilft der Strom sowohl beim Aus- als auch beim Einlaufen und da der Wind aus OSO kommt segeln wir im Windschatten der Dünen über fast glattes Wasser dicht am Ufer von Sylt entlang mit rund 5 kn. Lediglich als wir vor Hörnum und dem Norden Amrums weiter von Land entfernt segeln um nicht zu nah an sie Flachs zu kommen verlieren wir etwas an Fahrt. Leider würden wir im näher um die Südspitze verlaufenden Kniepfahrwasser den Wind genau von vorne haben, also entscheiden wir uns dafür ins breite Rütergat zu queren. Weil der Wind mittlerweile auch etwas nachgelassen hat schummeln wir ein bißchen und lassen uns von Knatterle durch das kabbelige Wasser der Westerbrandung ins Gat helfen.

Bei dem Namen will man das wohl bei mehr Wind nicht machen, aber die Ansteuerungstonne liegt weit draußen, hier ist es bereits tief genug für diese Abkürzung und es spart uns einiges an Weg gegen den Wind. Als wir vor der Abzweigung nach Wittdün sind ist natürlich gerade alles voller Fähren also beschließe ich dort schon die Segel zu bergen und wir fahren unter Motor am Fähranleger vorbei in den Seezeichenhafen von Stenodde. Meine Zeitrechnung ist wieder gut aufgegangen und es ist schon wieder genug Wasser im Hafenbecken, das erstaulich gut gefüllt ist. Wie sich herausstellt ist es Samstag und in Stenodde findet das Molenfest statt. Ich freue mich riesig mal wieder was Bekanntes zu sehen und mit Amrum mein Hauptziel dieses Törns erreicht zu haben. Den Rest des Tages lese und faulenze ich erstmal bei Tee und Kuchen an Bord, hier werde ich länger bleiben und die Umgebung ist mir schon bekannt. Als die Frauencrew des Jollenkreuzers, der neben mir fest gemacht hat das Angebot meiner ausgelesene Wochenzeitung mit den Worten „Danke, aber wir sind froh mal Abstand vom Alltag zu haben und keine Nachrichten zu hören“ ablehnt wird mir plötzlich bewusst, wie lange ich schon unterwegs bin und dass sich dabei wohl die ein oder andere Priorität und Wahrnehmung verschoben hat. Wir liegen an einem festen Steg mit Heckboje und Steigern neben der Leiter, denn hier beträgt der Tidenhub um die 3m und dieser Teil des Hafens fällt komplett trocken, was mich im Voraus etwas nervös gemacht hat, aber nach dem ersten Niedrigwasser zeigt sich, dass Tzefix schön gleichmäßig bis knapp unter die Wasserlinie in den weichen Schlamm einsinkt und auch genauso gleichmäßig wieder aufschwimmt. In den folgenden stürmischen Nächten ergibt sich daraus ein deutlicher Vorteil für ruhigen Schlaf.

Am ersten Morgen nach der Ankunft gehe ich rüber zur „Eilun“, dem hiesigen Ausflugsschiff, auf dem vor ein paar Jahren mit einem Praktikum meine Seefahrtszeit begann und das ich seither immer mal wieder besucht habe. Kapitän und Matrose erkennen mich trotz zweijähriger Abwesenheit sofort wieder und zeigen sich auch angemessen überrascht und dann verblüfft als ich ihnen erzähle wie ich hier her gekommen bin. Da ich nicht genau wusste ob es mit der Nordsee klappen würde hab ich meine Ankunft vorsichtshalber nicht angekündigt. Von da an sind die Nächte sind bis auf weiteres auch fast die einzige Zeit, die ich noch an Bord verbringe. Tagsüber fahre ich auf der Eilun durchs Wattenmeer, zu den Halligen und nach Föhr und ich muss zugeben, es ist mal eine schöne Abwechslung zwei kräftige Maschinen unter den Fingern zu haben. Wenn das Wetter auch dafür zu schlecht ist, was an einigen Tagen der Fall ist, fahre ich mit dem Fahrrad, das mir die Freunde ausgeliehen haben über die Insel, gehe am Kniepsand spazieren oder trinke an ihrem Küchentisch Tee und wir erzählen über die letzten Jahre. Als der August zu Ende geht fange ich an übers weitersegeln nach zu denken, doch der Herbst schickt deutliche Vorboten, zwischen Sturm aus SW und Sturm aus NW liegt nur ein einzelner segeltauglicher Tag. Den nutze ich zwar, aber nicht um, wie ich es zuerst vor hatte, noch einen Abstecher nach Helgoland zu machen, sonder um im Laser des örtlichen Vereins um die Südspitze Amrums zu segeln Da der Kapitän und sein Sohn im Pirat vorweg segeln mache ich mir auch wenig Sorgen um die Sandbänke, es ist ohnehin Hochwasser und ich freu mich dieses unfassbar leichte Boot zu segeln, lediglich ein Hauch von schlechtem Gewissen gegenüber Tzefix, der ja schon seit Tagen fest vertäut ist schleicht sich ein. Zwischen einigen heftigen Regenschauern verhole ich ihn mit Hilfe meiner Freunde zwischendurch an den Schwimmssteg, das letzte Hochwasser stieg sogar ein paar Zentimeter über den festen Steg und ich geh dann doch lieber trockenen Fußes zum Waschhäuschen rüber.

 

Nach fast zweieinhalb Wochen ist es schließlich an der Zeit Abschied zu nehmen Der Wind hat sich gelegt, Ebbstrom ist gerade noch früh genug am Morgen, wir setzen die Segel um nicht vom angekündigten Ostwind noch weitere Tage hier gehalten zu werden. Schnell sind wir aus dem Hafen raus, doch im Schmaltief steht noch recht viel Schwell, die Segel stehen nicht gut und bei dem leichten Wind sind wir nicht schnell genug um zur richtigen Zeit die Ansteuerung zur Eider zu erreichen. Ich nehme die Fock weg und lasse Knatterle mitlaufen, denn wenn wir zu spät in die Eider kommen müssen wir im Dunkeln vom Sperrwerk bis Tönning segeln und die Karte macht deutlich, dass auf diesem Abschnitt nicht alle Tonnen beleuchtet sind. Außerdem sind auf der ganzen Strecke nicht genauer spezifizierte Mindertiefen gemeldet, vor denen sich meine Bedenken aber verflüchtigen als mir der große Tonnenleger „Amrumbank“ entgegen kommt. Sobald wir im Fahrwasser der Eider sind schützen uns die Sandbänke vor dem Schwell und wir können wieder gut segeln. Obwohl ich penibel darauf achte im Zickzack des Fahrwassers zu bleiben berühren wir selbst dort zweimal Grund, so ohne Echolot im trüben Wasser immer eine Überraschung, kommen aber jedes Mal gut drüber und da das Wasser noch aufläuft ist es nicht weiter bedenklich. Wir segeln ins Vorbecken der Sperrwerkschleuse, nehmen die Segel weg als das Tor aufgeht und werden gleich durchgeschleust. Da kein Gefälle überwunden und auch nicht gezahlt werden muss reicht festhalten aus und schnell sind wir auf der anderen Seite. Der Wind wird schwächer und obwohl wir unter Segeln mit dem Strom schon noch Fahrt machen veranlasst mich die orangene Färbung des Himmels dazu, Knatterle an zu werfen und zügig Richtung Tönning zu fahren. Hier ist es echt eng, die Strömung nicht unerheblich und ich kann die Sandbänke und Untiefen zu beiden Seiten sehen. Kein Szenario in dem ich unfreiwillig die Nacht verbringen möchte und so bin ich froh im letzten Licht mit einem 1a Anleger in Tönning festzumachen. Eine Grundberührung in der Hafeneinfahrt zeigt, dass wir trotzdem nicht viel früher nach Niedrigwasser hätten ankommen können. Bereits um 2100 Uhr ist es stockdunkel, ich lasse den Kocher in der Kiste und finde in der ziemlich ausgestorbenen Innenstadt ein letztes geöffnetes Restaurant um meinen inzwischen enormen Hunger zu stillen. Einen Tag verbringe ich mit Erholung und Besichtigung des kleinen Städtchens sowie der Planung der letzten Gezeitenetappe um am nächsten Tag nach mehreren Messungen der Wassertiefe außenbords abzulegen sobald genug Wasser aufgelaufen ist.

Wir laufen unter Motor, der Wind kommt schon wieder aus Ost und im weiteren Verlauf der Eider warten drei Klappbrücken auf uns, die erste gleich nach der Hafenausfahrt. Die Telefonnummern der Wärter hab ich alle aufgeschrieben, ein Tönninger Segler sagte mir, das sei erfolgreicher als Funk wenn man nicht gleich gesehen werde. Lediglich vor der Eisenbahnbrücke Friedrichstadt müssen wir eine Weile warten bis zwei Züge durch sind. Ich drehe gegen den Strom und lasse Knatterle im Standgas laufen, so halten wir fast die Position. Die letzte Brücke sieht uns kommen und öffnet für eine Durchfahrt ohne Verzögerung. Auch die Schleuse Nordfeld geht sofort auf. Kurz darauf werden wir 1,5m tiefer von der Binneneider mit dunklem, strömungsfreiem Wasser und sattgrünen, baumbestandenen Ufern empfangen. Die Gezeitengewässer liegen hinter uns und irgendwie fühle ich mich ziemlich erleichtert als wir ganz gemächlich weiter tuckern. Es ist kaum was los, bis auf ein paar Angler treffen wir niemanden. Hinter dem Deich sind manchmal Felder oder Häuser zu erkennen. Auch am Geruch ist erkennbar, dass wir im Landesinneren sind, ich vermisse die Küste etwas aber die Ruhe hier ist auch mal schön.

In Süderstapel machen wir am Steg des Campingplatzes fest, der mit einem abschließbaren Tor versehen ist. Wie sich in den nächsten Tagen herausstellt ist das an allen Stegen hier so, etwas, dass in der Nordsee nie der Fall war. Am nächsten Tag bleibt die Fock weitestgehend wieder eingerollt, bei den vielen Flussbiegungen kommt der ohnehin schwache Wind ständig von vorn, wir motoren unter grauem Himmel bis zur Schleuse Lexfähre. Dort warten bereits zwei Motorboote. Nach einiger Zeit werden wir rangerufen, die Brücke bzw. deren Bedienungsoftware ist kaputt, heute kein Durchkommen mehr, vielleicht sogar erst in zwei Tagen, vielleicht schon morgen.

Da der Hafen auf der anderen Seite liegt, wird uns ausnahmsweise gestattet an den Leitwerken der Schleuse fest zu machen. Ich konferiere mit den beiden Motorbootrentnern und dem Paar eines Segelboots am anderen Leitwerk, Resultat: Currywurstessen in der Wirtschaft auf der anderen Seite, gefolgt von Abwarten und Tee trinken. Gerade als ich am nächsten Tag mit Mittagessen fertig bin geht die Schleuse dann doch schon auf und wir halten mit den anderen mir bis zur Giselauschleuse, die aber sowieso noch Mittagspause hat als wir dort ankommen. Als wir nach deren Durchschleusung in den NOK einbiegen sind gleich 4 Frachter vor uns. Segeln geht bei der Windrichtung gar nicht, wir motoren bis wir abends in Büdelsdorf anlegen.

Der folgende Tag gilt einer Pause vom Motoren um bei beständigem Nieselregen einen Spaziergang zur Tankstelle zu machen und endlich mal den Rumpf von den Schlammspritzern aus dem Watt zu säubern. Der Nieselregen hält auch beim Auslaufen am nächsten Tag an und entwickelt sich während wir vor der Schleuse Holtenau warten zu starkem Dauerregen. Leider müssen wir 2 lange Stunden warten um durchgeschleust zu werden, dafür ist kein Frachter mit in der Schleuse. Durch Regen und Flaute motoren wir nur noch bis Stickenhörn. Ich möchte schnellstmöglich aufklaren, das nasse Ölzeug unter der Plane im Cockpit lassen und die Kajüte und dann mich selbst aufwärmen. Länger als gewollt bleiben wir dort, sitzen Gewitter und Starkwind, der weiter aus SO kommt sowie eine Flaute aus.

Ich gehe spazieren wenns mal nicht regnet und fahre einmal mit dem Bus in die Innenstadt. Als der Wind endlich mal auf West dreht machen wir uns auf den Weg nach Fehmarn. Bis Großenbroder Fähre brauchen wir ganze 10 Stunden, die See ist noch unruhig, bremst uns aus und als der Wind auf 1-2 Bft abflaut greife auch ich auf Knatterle zurück, wie es um uns herum alles schon seit Stunden machen. Der Hafen gefällt mir und als der Wind nachts wieder stark zunimmt hört man durch das ganze georgel im Hafen auch den Verkehrslärm von der Brücke nicht mehr. Da morgens immer noch 5-6 Bft sind unter dem grauen Himmel das Wasser selbst im Schutz der Insel ungemütlich aussieht, beschließe ich den letzten Schlag auf den nächsten Tag zu verschieben, der besseres Wetter verspricht und gehe stattdessen ausgiebig spazieren. Jetzt haben wir so oft gewartet, da kommt es auf einen Tag mehr oder weniger auch nicht an und am nächsten Tag hat es wie vorhergesagt auf 3 Bft abgeflaut. Wir laufen zeitig aus, irgendwie wollen wir dann doch ankommen. Tzefix legt sich ins Zeug, ignoriert die kräftigen Wellen als wir den Schutz Fehmarns verlassen, wir laufen im Durchschnitt über 5 kn und die grauen Wolken können uns nicht einholen. Leider haben heute nicht alle einen so guten Segeltag, direkt am Fahrwasser ist ein Suche zu Wasser und aus der Luft im Gange, über Funk höre ich, dass eine Yacht ein Crewmitglied verloren hat. Am 21. September legen wir gerade noch so im Trockenen bereits nachmittags zum ersten Mal für diese Saison in unserem Heimathafen Warnemünde Mittelmole an.

Nach Einbruch der Dunkelheit kommt auch der Kreuzer der DgzRS zurück und am nächsten Tag erfahre ich von Vereinskameraden, dass die Person nicht gefunden wurde.

 

 

Törn in Zahlen:

921 nm, 115 Tage, 20 Brückenpassagen, 5 Schleusen, 3 Häfen mit Trockenfallen,

Längste Etappe: 54 nm in 11,5 h ; Kürzeste Etappe: 2,4 nm in 1,12 h

Unterwegs waren: Tzefix, 72er Lindbau und ich, 90er Schwabenbau mit Knatterle und Ding i

 

 

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