Silverrudder

Das Segelnmagazin hat meinen Bericht zur Silverrudder leicht gekürzt in ihrer letzten Ausgabe gebracht. 6 Seiten mit tollen Fotos.

 

Wer es verpasst hat, kann hier die ungekürzte Variante lesen.

Viel Spaß dabei!

Euer Mike

 

 

 

Admiral Jacob und die Langsamkeit

Silverrudder 2017
Knapp 49h im alten Holzfolkeboot einhand rund Fünen

Bist Du schon mal 48h, 48min und 34sec durchgesegelt und hast mit den paar Stunden vorher und
den paar halb wachen danach über 56h nicht geschlafen?
So geht’s: Im Holzfolkeboot rund Fünen ohne Wind und selbstredend ohne Motor.
Silverrudder heißt das Zauberwort, welches mir in den letzten Jahren immer mal wieder begegnete
und mich auf seltsame Art und Weise verzauberte und nicht mehr losließ.
Ich bin kein Regattasegler, ich messe mich nicht gerne in Geschwindigkeit, verliere mich nicht
akribisch im Feintrimm diverser Strippen. Ich bin Fahrtensegler. Das darf natürlich gerne schnell
gehen. Für mich bricht aber auch keine Welt zusammen, wenn ich hier und da eine Flaute ertragen
muss. So sind wir natürlich weder mit den Regattasegeln der neuesten Generation ausgestattet, noch
können wir statt die Minifock bei raumem Wind auszubaumen einen dieser riesigen
Leichtwindgennakern aus der Vorpiek ziehen.

 

Silverrudder, hier sind keine Sprinter gefragt, hier braucht es eher Durchhaltevermögen, ja dieses
Jahr darf man gerne von Leidensfähigkeit sprechen. Letztendlich haben sich nur 130 von 308
gestarteten Seglern durchgebissen und Fünen einhand umrundet. 107 sind gar nicht erst angetreten.
Die Regatta erfreut sich so großer Beliebtheit, dass die erste Herausforderung schon das rechtzeitige
Anmelden ist. Es braucht nämlich nur einen einzigen Tag und über 400 Plätze sind vergeben.
Nachdem ich das geschafft hatte, stellte ich mir die Frage, ob und wenn ja, ich mich und das Schiff
auf dieses Event vorbereiten kann, soll oder muss!?
Da meine Schiffe normalerweise in unserer kleinen Charterfirma klassisch am wind fahren,
beschränkte sich die Schiffsoptimierung lediglich auf das Ausräumen von Rettungsinsel, Zweitanker
und überflüssiger Polster. Ach ja einen Pinnenpilot habe ich mir noch gegönnt.
Das Optimieren, der Crew, also mir, geschah folgendermaßen: Als bekennender „Spätzubettgeher“
bin ich die beiden letzten Tage vor dem Startschuss mal nicht um 01:00 Uhr, sondern schon um
22:30 Uhr in der Koje verschwunden.
Den ersten „Fastnervenzusammenbruch“ handelt man sich ein, wenn man die riesige Startnummer
einigermaßen faltenfrei auf den Bug des geklinkerten Folkebootes zu kleben versucht. Spionage bei
den erfahrenen Stegnachbarn zeigte, man muss das Ding in Streifen schneiden sonst läuft hier gar
nichts.
Das schöne und zugleich entspannende bei diesem „Rennen“ ist, dass niemand, außer mir selbst
vielleicht, irgendeine Erwartungshaltung mir gegenüber hat. Wie soll ich gegen Eric Skov Madsen
oder Jörg Kegel oder Erik Larsson eine Chance haben. Alle sind zum wiederholten Male hier und
haben ihre Folkeboote teilweise in Rekordzeit um das Eiland getrieben. Nein mein Anspruch ist
anzukommen und der ist schon recht hoch gesteckt, angesichts der, im nicht vorhandenen Wind,
schlapp und langweilig herunterhängenden Flaggen und Wimpel.
Ohne Aussicht auf Besserung kommt gegen 08:30Uhr Bewegung in den Hafen und sukzessive
schleichen die ersten beiden Startgruppen Richtung Startlinie. Nicht nur der kaum vorhandene Wind,
sondern auch die Strömung, die ostwärts setzt, während wir Richtung Westen starten, machen den
Teilnehmern das Leben schwer.
0,9 Meilen hinter die Brücke parke ich zielgenau im ersten absoluten Flauten Loch ein, genau – ICH
parke hier ein, alle anderen segeln nämlich weiter. Gut weitersegeln suggeriert, sie würden mich
einfach so da stehen lassen und auf und davon fahren. Ganz so war es nicht, allerdings stand ich nicht
nur, sondern segelte mittlerweile rückwärts und kam nun zum zweiten Mal an der Südtonne an
backbord vorbei. Neuer Anlauf quer zur Strömung und ich konnte in einer Stunde etwa 60m oder
70m gutmachen. Nein das ist kein Schreibfehler, weniger als 100 m in der Stunde, bevor es abermals
rückwärts an meiner Tonne vorbei ging. Angesichts der Tatsache, dass ich hier der einzige war der
stand, respektive zwischenzeitlich gegenüber Skovsbo Strand ankerte, schlug mein Laune Barometer
deutlich in Richtung „minus“ aus!!
Wieso z.T. 10 Meter neben mir gesegelt wurde, hat sich mir nicht erschlossen. Irgendwann hatte
offensichtlich auch Rasmus Mitleid mit dem armen Admiral und das Wasser um die Ankerleine
begann sich auf der richtigen Seite zu kräuseln. Für mich das Zeichen das Rennen weiter gehen zu
lassen und mit 0,5kt – 1,9kt Richtung Ausgang Svendborgsund zu preschen.
Mittlerweile war ich auch nicht mehr alleine. Nein nicht wegen der ganzen Segler aus den anderen
Gruppen, die langsam und dicht an mir vorbei zogen! Nein weil mein Telefon ein wahres Bimmel und
Brummkonzert von sich gab, what’s apps, sms, fb‐posts und Anrufe gaben sich die Klinke in die Hand.
Zuhause saßen Freunde, Familie, Kunden und Bekannte und verfolgten das Geschehen am Race
Tracker. So war ich immer bestens über die Konkurrenz informiert, wurde mit Tipps versorgt und
später mit pausenlosen Anrufen wach gehalten. Hatte etwas von Vendée Globe, mein Team begleitet
mich virtuell durch den Southern Ocean.
Ich glaube, es war zwischen Avernakø und Lyø als es in die Nacht ging.
Mein „Team“ bestätigte das, was ich sah. Bei den ersten Schiffen wurden die Segel geborgen und die
Motoren gestartet. Wer hier schon aufgibt, ist definitiv hinter mir, so leicht mache ich es mir nicht.
Durch diese erste Nacht fahre ich auf jeden Fall durch. Danach wird entschieden, wie es weiter geht.
Teamsitzung sozusagen!
Ich trinke Wasser und Cola, esse Brötchen, Schokoriegel und massenweise Halbbitterschokolade.
Irgendwo stand, dass einen das wach hält, super. Die Legitimation für unendlichen Schoki‐konsum,
herrlich!
In der Nacht poste ich:
„Speed 1,9kt, noch 6 Meilen bis Bagø, ohne Spi oder Gennaker ist das dieses Jahr wohl nicht zu
machen. Bin, glaube ich, noch nie so ausdauernd soooo langsam gesegelt. Wenigstens kochen kann
man unterwegs. Mal sehen wie lange ich das noch aushalten kann.“
Als Antwort kommt:
„Und später ab Fyns Hoved Pütz hoch, Unterhose ausbaumen, Zahnbürste absägen … da geht noch
was.“
Das bringt mich zum Lachen und überhaupt kann man konstruktive Tipps in derlei ausweglosen
Situationen nicht genug Wert schätzen.
Irgendwo westlich Fænø verzaubert uns der neue Tag mit einem wirklich phänomenalen
Sonnenaufgang. Die namenlosen Lichter um mich herum, werden wieder zu Schiffen. Nicht wenige
zu genau denen, die vor gut 12 Stunden neben mir in der Dunkelheit verschwunden sind.
Offensichtlich habe ich in der Nacht ein paar Plätze gut gemacht.
Geht man die Meldeliste der Silverrudder durch, findet man auf der einen Seite natürlich jede Menge
modernes Material a la Seascape oder diverse Mehrrumpfer oder natürlich auf der etwas betagteren
Seite die, die ein paar Wochen vorher bei den Modern Classics hätten mitmachen können.
Aber Holz, Holz findet man neben dem Sperrholz eines Waarschip‘s nur bei meinem Admiral Jacob,
demzufolge ist dieser Lindbau von 1968 nicht nur ein Ausreißer in Sachen Material sondern auch in
Sachen Alter.
Es ist nämlich so: Admiral Jacob ist nicht nur das älteste und einzige Holzfolkeboot, nein es ist das
älteste Holzboot im ganzen Feld. Und wenn man unsere Jacaranda ansieht, die mit ihren 75 Jahren
noch voll im Saft steht, kann man die berechtigte Hoffnung haben, dass unser Herr Jacob auch noch
an Silverrudderregatten teilnimmt, wenn die heute modernen Konstruktionen längst durch noch
modernere ersetzt sein werden.
Unser Beitrag zur Nachhaltigkeit!

Middelfart kommt in Sicht, wir haben wenig Wind und der Strom setzt Richtung Nord, wenigstens
´was. Aber je näher wir der Brücke kommen, desto merkwürdiger fühlt sich das Schiff an. Warum
stehen die anderen unter der Brücke und warum zum Teufel quer und noch dazu so dicht an den
Pfeilern? Der Wind ist weg, die Segel schlagen, das Ruder komplett wirkungslos, das Schiff mutiert
zum Korken in der Strömung. Schiffe drehen sich um uns herum um 360° im Kreis während sie mehr
oder minder den Weg zur nächsten Brücke antreten.
Wäre dies keine Regatta, würde jetzt definitiv der Griff zum Außenborder erfolgen. So beobachte ich
die anderen und versuche hochzurechnen, wie groß wohl die Wahrscheinlichkeit ist, hier
schadensfrei durchzutreiben.
Einige graue Haare später spült uns die Strömung durch die zweite Brücke und siehe da, mein
Admiral findet wieder eine Briese mit der wir arbeiten können. Glücklicherweise sind wir im Süden
durch die Kurve getrieben und konnten vor denen, die jetzt im Norden vor der Brücke festsitzen,
wieder ein paar Plätze gutmachen.
Immer wieder rechne ich. Würde ich jetzt mindestens 3,5 kt im Schnitt fahren, könnte ich tatsächlich
noch morgen vor 12 Uhr mittags in Svendborg sein. Aber ich fahre verdammt nochmal keine 3,5kt
und auch keine 2,5kt oder läppische 1,5 kt ich fahre nämlich mal wieder überhaupt nicht.
Ich parke 5 Meilen südwestlich von Æbelø, und zwar für etwa 5 Stunden. Überall um mich herum
springen die Motoren an und fallen die Segel. Ich telefoniere, sms’e, überlege wieder, greife mental
schon mal zum Telefon um die Rennleitung anzurufen. Was kann ich tun? Ich telefoniere mit meinem
Kollegen Jörg Kegel, auch dort läuft bereits der Jockel. Abbrechen und irgendwo in Middelfart in
einen Hafen? Weiter motoren? Ankern? Nichts von allen Optionen will in mein Konzept passen.
Ankommen in der Zeit scheint unmöglich.
Irgendwann muss man sich aber `mal entscheiden. Also……… weiter! Und siehe da irgendwann
zwischen 16:00 Uhr und 17:00 Uhr, als immer mehr Abbrecher entgegen kommen, kräuselt sich das
Wasser, dann ein Hauch, gefolgt von einer schwachen Briese kommt das worauf wir alle seit Stunden
gewartet haben. Wiiiiiiiiind! Nicht viel, aber mehr als beim ganzen Rennen bislang. Hoch am Wind
kann ich die Höhe laufen, um Korshavn die Nordostecke von Fünen zu umrunden.

Sollte diese Nacht der Wind durchhalten, wäre ein Anlegen in Svendborg vor 12 Uhr mittags
theoretisch möglich, das macht Hoffnung und neue Motivation vertreibt vorübergehend die
zunehmend lästiger werdende Müdigkeit.
Wer mitgerechnet hat, weiß dass die verbleibenden Teilnehmer nun in der zweiten Nacht unterwegs
sind.
Zwischen Æbelø und Korshavn ist das Licht vollends weg. Ich nähere mich dem Nordosten der Insel
mit seinen ausgeprägten und gefährlichen Flachs südlich WP195.
Natürlich kann man da einfach im Norden drum rum fahren. Allerdings ist mein Kampfgeist wieder
geweckt und wenn das mit Sonntagmittag noch etwas werden soll, muss jede Abkürzung
mitgenommen werden.
Nur das Wetter, meine Müdigkeit und demzufolge meine Performance kommen langsam in
Schieflage. Neben mir fährt noch jemand den gleichen Kurs, hinter mir auch, kann also alles nicht
ganz falsch sein. Aber wo verdammt nochmal kommen die ganzen Lichter um mich herum her? Dazu
gibt es tiefliegende Wolkenbänke, Lichter verschwinden und tauchen wieder auf, sind aber nicht als
Schiffe zu identifizieren. Gefühlt fahre ich zwischen Gebäuden und unter beleuchteten Dächern
durch. Endlich das Flach gemeistert kann ich nach Süden abfallen.
Der Segler vor mir experimentiert mit Spi oder Gennaker rum, während ich mit Fock und Ausbaumer
etwas schlaftrunken auf dem Vorschiff zu Gange bin. Offensichtlich steht die Blase der Konkurrenz
nicht wie gewollt und sein rotes Licht wird grün/rot und verschwindet dann hinter mir und den etwas
höher werdenden Wellen ganz.
Der Wind hält durch, er ist momentan nicht mehr der limitierende Faktor, was ein rechtzeitiges
Ankommen in Svendborg angeht. ICH bin zum limitierenden Faktor geworden. Als ich mich der
Großen Beltbrücke nähere bin ich seit ca. 44 Stunden ohne Schlaf. Eigenartigerweise kämpfe ich nicht
gegen meine Müdigkeit, sondern gegen meine Sinnestäuschungen.
Immer wieder spielen mir Spieglungen in der Brille, auf dem Wasser oder sonst wo etwas vor, was
definitiv nicht dort sein kann, wo ich es sehe. Ich muss mich wirklich am Riemen reißen und
konzentrieren. Wer schon einmal durch die Westbrücke mitten durch gefahren ist, weiß, dass die
einzelnen Fächer breit genug sind, um locker mit mehreren Schiffen nebeneinander durch zu segeln.
Ich hingegen hatte den Eindruck ständig neu zielen zu müssen, um dieses wahnsinnig enge Nadelöhr
meistern zu können.

Endlich durch, jetzt muss es nur noch hell werden und der Wind muss halten, dann….. ja ich kann es
kaum glauben…… schaffe ich es noch. In meiner mittlerweile doch arg strapazierten Phantasie laufe
ich um Punkt zwölf in Svendborg ein, als einziger natürlich! Alle anderen haben aufgegeben, sind
eingeschlafen. Ganz Svendborg hat sich im Hafen versammelt, wartet auf den Admiral, jubelt ihm zu,
Fernsehen, Vendée Globe, Interviews…….. berühmt…..!
Man bin ich fertig, wie lange kann man eigentlich ohne Schlaf, bevor man in die Klapse kommt.
„Mensch nu reiß Dich nochmal zusammen – kann ja wohl nicht sein.“
Also Pinnenpilot an, Kocher raus, Wasser heiß machen, zwei Esslöffel löslichen Kaffee oben drauf und
endlich fängt es auch an zu dämmern. Meine Lebensgeister regen sich wieder, die
Sinnestäuschungen sind weg.
Ich logge mich im Internet ein und sehe „Go Mike Go!“
Ja das mach ich jetzt, telefoniere, hole Wetter, rechne, es könnte klappen!
Dann macht der Wind wieder schlapp maaaaaaaannnnnnn, bitte nicht jetzt.
Na gut, dann soll es eben nicht sein, jedenfalls habe ich gewonnen und zwar gegen mich, denn ich
werde rumfahren und zwar ohne Motor und mir ist wurscht, wie lange es dauert, so……! So ist das
nämlich!
Aber dann, Rasmus hat ein Einsehen, soviel Qual muss doch belohnt werden. Auf einmal zeigt das
GPS, dass ich gegen 09:00Uhr nach Westen biegen kann und kurze Zeit später in den Sund. Drei
Stunden Puffer also, „juhuuuuu es klappt doch.“ Auch zu Hause und bei den Freunden sieht man die
Wendung am Tracker, alle sind noch bei mir. Das Telefon klingelt, aber ich wimmle alle ab, ich
möchte, muss mich ein letztes Mal konzentrieren.
Im Svendborg Sund setzt der Strom nach Osten. Ein Schiff wird gerade rückwärts wieder
rausgetrieben. Ich kann es nicht glauben, hier bleibe ich jetzt stehen und verbringe die Siegerehrung
vor Anker?
„Komm jetzt, halt durch“, …… okay ich nehme jeden Windhauch mit, die Tonnen biegen sich in der
Strömung – 45° auf mich zu, warum, warum, warum,…….? Wieder stehe ich, treibe quer zur
Fahrtrichtung, fahre im flachsten Wasser, was ich gerade so verantworten kann, hoffe auf
Nährströme, zumindest aber auf Stillwasser.
Jetzt hab ich noch eine Stunde, wenn’s klappt bin ich der letzte oder vorletzte derjenigen, die es noch
im Zeitlimit schaffen. Das spornt an. Ich kämpfe mit allen Mitteln, baume als ich den „Sieg“ bereits in
Händen halte sogar nochmal aus, vielleicht 200m vor der Ziellinie.
Und dann ertönt endlich der Ton auf den ich seit fast 49 h gewartet habe und zwar „in time“!
Nur die Menschenmenge, das Fernsehen, die Reporter, wo sind die alle? Offenbar hat so richtig
keiner mehr mit dem Admiral gerechnet.
Egal, wir sind sogar `ne gute halbe Stunde zu früh und das einzige Folkeboot, was angekommen ist.
Herzlichen Glückwunsch mein lieber Jacob!

 

Und hier geht’s zu einem Video meiner Fahrt!

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